- Krankheiten & Zoonosen
Anfang 2025. Ein Wasserbüffelhalter in Brandenburg macht morgens seine Stallrunde – und bemerkt, dass etwas nicht stimmt. Blasen an den Klauen, Fieber, apathische Tiere. Was dann folgt, geht durch alle Schlagzeilen: Maul- und Klauenseuche. In Deutschland. Nach 37 Jahren.
Wenn das kein Weckruf ist.
Die Tierseuchenlagen in Europa verschieben sich gerade in einem Tempo, das selbst erfahrene Tierärzte und Landwirte überrascht. Vier Krankheiten stehen aktuell besonders im Fokus – und alle vier sind relevant für dich als Rinderhalter. In diesem Artikel bekommst du den Überblick, den du brauchst.
In diesem Artikel erfährst du:
Du erinnerst dich vielleicht noch an den ersten großen BTV-8-Ausbruch in Deutschland – das war 2006. Danach wurde es ruhiger, verschwunden war BTV aber nie. Seit 2024 ist die Blauzunge nun mit Wucht zurück, und diesmal sind es der Serotyp 3 und seit Frühjahr 2026 wieder der Serotyp 8, die sich rasend schnell ausbreiten.
Die Karte spricht eine klare Sprache: Zwischen Mai und Dezember 2024 haben sich die bestätigten BTV-3-Ausbrüche in Deutschland von wenigen Punkten im Westen zu einem flächendeckenden roten Teppich entwickelt. Bis April 2026 wurden bundesweit über 1.800 Ausbrüche gemeldet – mit einem klaren Anstieg ab Sommer 2025.

Nun ist mit BTV-8 eine weitere Virusvariante nach langer Zeit wieder in Deutschland aufgetreten. In Baden-Württemberg ist es der erste Fall von BTV-8 seit 2019, in Bayern sogar seit 2009. So ist aktuell nach einem BTV-8-Nachweis am 2. Juni 2026 in Fulda ist ganz Hessen BTV8-Sperrzone mit entsprechenden Handelsrestriktionen.
Zusätzlich wurde in den vergangenen Jahren der Serotyp BTV‑4 in Frankreich festgestellt. In Italien wurden im Mai 2026 zwei BTV-4-Ausbrüche in der Lombardei bestätigt, beide in Rinderbetrieben: in der Provinz Monza; ca. 28 km zur Schweizer Grenze sowie weiter entfernt in der Provinz Mantua. Es besteht daher die Gefahr, dass auch dieser Serotyp in den kommenden Jahren in Deutschland auftreten wird.
BTV-8 Situation in Deutschland (Stand 19.06.26)

Übertragen wird das BTV-Virus durch Gnitzen – winzig kleine blutsaugende Mücken, die du kaum siehst, aber die sich bei 20–25 °C rasant vermehren. Direkter Kontakt von Tier zu Tier spielt keine Rolle. Das macht die Seuche so tückisch: Du kannst deinen Stall noch so sauber halten, die Gnitzen kommen trotzdem.
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Was du am Tier siehst: Rinder zeigen oft nur milde oder gar keine Symptome – die schweren Verläufe, mit geschwollener Zunge, Lahmheit und Schleimhauterosionen, sieht man vor allem bei Schafen. Trotzdem: Das Virus steckt im Blut deiner Rinder bis zu 60 Tage lang. Virämie nennt man das. Und ein virämisches Tier ist eine Einschleppungsquelle für deine gesamte Region.
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Impfstoffe gibt es – für BTV-3 und BTV-8 sind verschiedene zugelassene Präparate auf dem Markt. Sprich jetzt mit deinem Tierarzt, bevor die Gnitzensaison wieder beginnt.
EHD – den Namen hat vor ein paar Jahren kaum jemand in Deutschland gekannt. Heute ist das anders.
Die Erkrankung, die ebenfalls durch Gnitzen übertragen wird und klinisch der Blauzunge täuschend ähnlich sieht, hat sich von Nordafrika aus über Sizilien, Sardinien und Spanien in Richtung Norden vorgearbeitet. Frankreich hat zwischen September 2023 und Mai 2024 alleine über 4.300 Ausbrüche gemeldet.
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Das Tückische: Du kannst EHD kaum von BTV unterscheiden, wenn du nur auf die Kuh schaust. Fieber, Fressunlust, Schleimhauterosionen, Milchrückgang um 2 bis 5 Kilogramm täglich, Lahmheit, Ödeme – das kennt man von der Blauzunge. Und genau deshalb ist Labordiagnostik so wichtig.
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Die Sterblichkeit bei Rindern liegt zwar bei nur 0,1 bis 2,9 Prozent – aber die Morbidität, also der Anteil erkrankter Tiere in einem Betrieb, kann zwischen 6,4 und 100 Prozent liegen. Das ist wirtschaftlich verheerend.
Die gute Nachricht: Es gibt einen Impfstoff. Du kannst deine Tiere also schützen. Frag deinen Tierarzt!
Lumpy Skin Disease – zu Deutsch: Hautknotenkrankheit. Wer das noch nie gesehen hat, dem reicht ein Blick auf ein Foto, um zu verstehen, warum das ein Problem ist.
Das Capripoxvirus verursacht bei Rindern feste, schmerzhafte Hautknoten, Fieber bis 41 °C, geschwollene Lymphknoten, Milchrückgang, Euterentzündung und Aborte. Je nach Ausbruch sterben 1 bis 5 Prozent der Tiere – das klingt harmloser als es ist. Denn viele Tiere zeigen gar keine äußerlichen Symptome (zwischen 5 und 45 Prozent der infizierten Tiere), während sie das Virus durch Insekten, Sperma oder Sekrete weitergeben.
Mehr über LSD erfährst du hier: Lumpy Skin Disease (LSD) bei Rindern – Neue Gefahr für Milchviehbetriebe
Frankreich hat das im Sommer 2025 am eigenen Leib erfahren: Ab Juni 2025 breitete sich LSD von den Pyrenäen aus über den Südwesten aus. 215 bestätigte Ausbrüche, über 116 davon in Frankreich. Die Reaktion war massiv: Keulung infizierter Betriebe, Sperrzonen bis 50 Kilometer, Impfpflicht in den Restriktionszonen ab Juli 2025. Über 95 Prozent der Tiere im Südwesten Frankreichs wurden geimpft. Seit dem 2. Januar 2026 kein neuer Ausbruch mehr.

LSD in Frankreich
Quelle: https://agriculture.gouv.fr/dermatose-nodulaire-contagieuse-des-bovins-dnc-point-de-situation
In Italien, auf Sardinien wurden im Mai 2026 drei neue Fälle der Lumpy Skin Disease (LSD) gemeldet – zwei in San Vito und einer in Muravera. Alle Fälle liegen im Südosten der Insel, also in einem Gebiet, das schon früher betroffen war. Das zeigt: Auch nach Monaten intensiver Bekämpfung hat sich das Virus dort offenbar noch nicht ganz zurückgedrängt lassen.
Die italienischen Behörden reagieren konsequent: Rund 20.000 Tiere sollen schnellstmöglich geimpft werden – Auffrischungen für bereits geimpfte Rinder und Erstimpfungen für bislang ungeimpfte Kälber. Auch die Beobachtung der Tiere auf Krankheitsanzeichen wird fortgeführt. Im Aostatal, wo die Impfquote bei erwachsenen Rindern bereits sehr hoch ist, wird die Kampagne nun zusätzlich auf Kälber ab drei Monaten ausgeweitet, dazu kommen Nachimpfungen bei Tiertransporten aus anderen Regionen.
Interessant für die Risikoeinschätzung: In Stechmücken- und Zeckenproben aus dem Ausbruchsgebiet wurde das Virus ebenfalls nachgewiesen. Da LSD über blutsaugende Insekten und Zecken übertragen wird, ist die kommende warme Jahreszeit mit hoher Insektenaktivität ein entscheidender Faktor dafür, wie sich die Lage weiterentwickelt.

Und Deutschland? Aktuell wird vom FLI1 das Einschleppungsrisiko hierzulande als gering eingestuft, unter anderem weil die Insektenaktivität jahreszeitlich noch reduziert ist. Spanien und Frankreich melden seit März bzw. Januar 2026 keine neuen Fälle mehr.
Trotzdem gilt: Wer bei seinen Tieren verdächtige Symptome wie Fieber oder Hautknoten bemerkt, sollte nicht abwarten, sondern sofort das zuständige Veterinäramt informieren. Nur durch schnelles Handeln lässt sich eine Ausbreitung frühzeitig stoppen.
Anfang 2025 hätte wohl kaum jemand damit gerechnet. Und dann kam der 10. Januar: MKS-Bestätigung in Brandenburg. Serotyp O. Nach 37 Jahren.
Was folgte, lief zum Glück glimpflich ab – die 11 verbliebenen Wasserbüffel wurden getötet, keine weiteren Ausbrüche in Deutschland. Am 14. April 2025 war Deutschland wieder offiziell MKS-frei. Aber der Schock saß tief.
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Ungarn und die Slowakei hatten es im selben Frühjahr schwerer: Über 9.000 Rinder mussten in Ungarn alleine in fünf Ausbrüchen getötet werden. Der gleiche Serotyp wie in Deutschland, aber ein anderer Stamm. Zypern kämpft seit Dezember 2025 mit Serotyp SAT 1, das bisher in Europa nicht heimisch war. Über 100 Betriebe wurden dort zwangsgeräumt, fast 70.000 Tiere getötet oder gekeult.
Seit März 2026 ist nun auch Griechenland von MKS betroffen. Auf der Insel Lesbos gab es alleine im Mai 2026 27 weitere Ausbrüche, betroffen waren vor allem Schaf- und Ziegenhaltungen und nur zwei Rinderhaltungen.
Ausbrüche von MKS vom 01.01.25 bis 14.06.26
Quelle: https://vsi.esa.inrae.fr/
Was du wissen musst: MKS betrifft alle Paarhufer – Rinder, Schweine, Schafe, Ziegen. Rinder zeigen die Symptome deutlich: Blasen an Klauen und Maul, starkes Speicheln, Lahmheit, Fieber. Schafe und Ziegen hingegen sind heimliche Verbreiter – sie stecken andere an, ohne selbst auffällig krank zu wirken. Schweine scheiden riesige Virusmengen über die Atemluft aus, bevor sie überhaupt Symptome zeigen. Das macht die Früherkennung so schwierig.
Eingeschleppt wurde der Erreger in Deutschland vermutlich durch kontaminierte Lebensmittel oder Menschen. Nicht durch Tiere.
Was bedeutet das für Deutschland? Das Risiko einer erneuten Einschleppung bleibt bedeutend – vor allem aus der Türkei, Israel und nordafrikanischen Ländern wie Algerien, Ägypten, Libyen, Marokko und Tunesien. Umso wichtiger ist es, dass du als Tierhalter konsequent auf Biosicherheit setzt. Wer wissen möchte, wie es um den eigenen Betrieb steht, kann das ganz unkompliziert und kostenlos über die „Rinder-Risikoampel" der Universität Vechta prüfen – anonym und ohne Aufwand.
Hier geht’s zur Risikoampel: https://risikoampel.uni-vechta.de/plugins.php/aisurveyplugin/rinder/survey/experts?disease_id=6
Die Lage in Europa ist dynamisch – das ist keine Übertreibung. Vier ernste Krankheiten, alle gleichzeitig aktiver als in den Jahren zuvor. Was macht das für dich als Landwirt?
Erstens: Symptome kennen und einordnen können. Nicht jede Kuh mit Fieber und Schleimhautveränderungen hat BTV. EHD sieht ähnlich aus, LSD auch, MKS ebenfalls. Kontaktiere schnell deinen Tierarzt und schick im Zweifel Material ins Labor – Gewebe, Nasentupfer, EDTA-Blut. Nur die Labordiagnostik gibt dir Sicherheit.
Zweitens: Impfen, wo es möglich ist. Für BTV-3, BTV-8 und EHD gibt es Impfstoffe. Nutze sie, bevor die Gnitzensaison wieder beginnt.
Drittens: Biosicherheit ernst nehmen. MKS wurde vermutlich durch Menschen eingeschleppt. Betriebsfremde Besucher, kontaminierte Kleidung, mitgebrachte Lebensmittel – das sind echte Risiken, keine Theorie.
Und viertens, am wichtigsten: Täglich hinschauen. Die Früherkennung ist bei allen vier Seuchen der entscheidende Faktor. Wer am Morgen genau hinschaut, kann Schlimmeres verhindern.
Quellen:
1 https://tsn.fli.de/fileadmin/WebTSN/Dokumente/Radar-Bulletin/2026/rb202605.pdf