„EHD? Nie gehört, steht aber auf dem Laborzettel neben BVD, BTV, MKS, kann ich ja einfach mal mit ankreuzen, schadet sicher nicht.“ So dachte sich Jérôme Lafon, Tierarzt aus dem Süden Frankreichs, an der Grenze zu Spanien im September 2023. Was war passiert? Die von ihm betreuten Tiere wiesen eigenartige Symptome auf. Photosensibilität, Schuppen- und Krustenbildung an der Nase, die nicht abheilten, Atembeschwerden und Erosionen im Maul. Könnte es ein Schlangenbiss sein? Nein. Trotz Blauzungen-ähnlicher Symptome gab es auch hier keinen Treffer. Alle anderen durchgeführten Analysen auf BVD, MKS waren negativ. Aber bei EHD gab es einen Treffer! „Was zum Teufel ist EHD?“ Diese Frage stellte sich nun J. Lafon, wie er seinem Publikum auf dem Tierärzte Kongress in Leipzig in seinem Vortrag “Praktische Erfahrungen mit einer neuen Bedrohung –EHD in Frankreich“ berichtete.
Damit du als Landwirt nicht wie J. Lafon genauso ahnungslos irgendwann vor dem gleichen Problem stehst, erfährst du in diesem Artikel, was es mit EHD auf sich hat.
EHD – die Epizootische Hämorrhagischen Krankheit – wird durch ein Virus aus der gleichen Familie wie die Blauzungenkrankheit (BTV) ausgelöst: ein Orbivirus. Auch der Vektor ist der gleiche: Gnitzen. EHD befiel bis dato vor allem Wildwiederkäuer, weshalb die Krankheit auch Epizootische Hämorrhagie der Hirsche (EHD) genannt wird. Sie kann aber auch Hauswiederkäuer treffen, also Rinder und Schafe, wie uns der Ausbruch in Spanien und Frankreich zeigt.
Das Tückische: Alle Symptome sehen anfangs nach ganz anderen Krankheiten aus (BTV, MKS…) und genau das macht die Diagnose so knifflig.
Die ersten Fälle wirkten auf den Betrieben im Baskenland zunächst wie etwas völlig anderes: Schlangenbiss, Zungenproblem, Photosensibilisierung – nichts passte so richtig zusammen. Erst nach weiteren Untersuchungen und negativen Befunden bei anderen Krankheiten wurde EHD überhaupt auf dem Radar sichtbar. Das Fazit aus der Präsentation von J. Lafon ist klar: Die Krankheit kann plötzlich auftauchen, sich schnell ausbreiten und dann steht man sofort im Notfallmodus mit sofortigem Handlungsbedarf und Meldepflicht.
Genau daraus lässt sich für Deutschland etwas ableiten: Wenn die Vektoren aktiv sind, darf man neue, ungewohnte Symptome nicht zu schnell als BTV abtun.
Erfahre mehr zu den Unterschieden von BTV und EHD in unserem Artikel:
Plötzlich Fieber: Notfallmanagement im Rinderstall, wenn BTV oder EHD dahinterstecken
Woran du EHD erkennen kannst
Die klinischen Symptome bei Rindern umfassen Lethargie, Anorexie, Speichelfluss, Nasen- und Maulläsionen, Bindehautentzündung, geschwollene Gelenke sowie Lahmheit. In Extremfällen traten Niereninsuffizienz und Ausschuhen auf. Schafe zeigten sich deutlich weniger empfänglich als Rinder.
Quelle: J. Lafon
Besonders verdächtig sind Erosionen im Maulbereich. Die Tiere leiden unter starken Schmerzen und möchten – verständlicherweise – weder fressen noch trinken.
Mehr zu den Symptomen erfährst du hier:
Epizootische hämorrhagische Krankheit (EHD): Was Landwirte jetzt wissen müssen
Das Virus löst eine Gefäßentzündung aus, und genau daraus entstehen die vielen unterschiedlichen Symptome. Wenn Tiere nicht mehr richtig trinken, drohen Dehydrierung und im Labor auffällige Veränderungen wie Nierenprobleme. Du kannst es dann an starkem Abfall der Milchleistung sofort erkennen. In Extremfällen kann es sogar langfristige Folgen geben, etwa chronische Atemprobleme, Hinken oder starke Abmagerung.
Die Präsentation von J. Lafon macht auch klar: Manche Betriebe sehen nur wenige Krankheitsfälle, andere deutlich mehr – die Auswirkungen können also sehr unterschiedlich sein. Für Milchviehhalter heißt das: Nicht auf das große Drama warten, sondern schon bei ersten verdächtigen Tieren genau hinschauen.
Die Therapie, die sie damals vor Ort durchführten, beschränkte sich auf symptomatische Maßnahmen:
- Hydrierung (Drenchen)
- Infusionen
- Entzündungshemmer
- weiches Futter
Insektenschutzmittel erwiesen sich als wirkungslos, um die Gnitzen fernzuhalten.
Lies auch: Gnitzen im Milchviehstall: Winzige Plagegeister mit Viren im Schlepptau
Auch heute gilt: Es gibt kein Heilmittel gegen EHD im Bestand, man kann nur die Symptome behandeln! Deshalb betont J. Lafon auch als finale Schlussfolgerung wie wichtig es ist zu impfen, um seine Tiere von vornherein zu schützen und eine weitere Ausbreitung zu verhindern.
EHD ist kein Thema, das man wegwischen sollte, nur weil es bisher vor allem aus Spanien, Italien oder Frankreich bekannt ist. Die Präsentation aus dem Leipziger Tierärztekongress zeigt ziemlich deutlich, wie schnell aus einem vagen Verdacht ein echter Ausbruch werden kann. Und wenn die Gnitzen wieder fliegen, steigt das Risiko für vektorübertragene Krankheiten automatisch mit. Bespreche mit deinem Tierarzt die richtige Strategie für dich und deinen Betrieb.