Kälbchen im Stroh schaut in die Kamera

Durchfall im Stall: Wann du ohne Antibiotikum auskommst – und wann nicht

Dr. Christina Hirsch

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24.07.2026

·

5 Min. Lesezeit

Antibiotika sind ein unverzichtbares Werkzeug in der Rinderpraxis – aber eben kein Allheilmittel. In diesem Artikel greifen wir exemplarisch eine der häufigsten Situationen im Milchviehbetrieb heraus, bei denen Antibiotika eingesetzt wird – Kälberdurchfall.

Kälberdurchfall zählt zu den verlustreichsten Erkrankungen in der Kälberhaltung, und ein Großteil der infektiösen Erreger – Viren wie auch Bakterien – kann durch gezielte Schutzimpfungen bekämpft werden. Da das Kalb selbst in den ersten Lebenstagen noch keinen vollständigen Eigenimmunschutz aufbauen kann, werden diese Impfstoffe als Mutterschutzimpfung eingesetzt: Kühe und Färsen erhalten die Vakzine ein- bis zweimal in den Wochen vor der Kalbung, bilden Antikörper und geben diese über das Kolostrum an die Neugeborenen weiter. Doch damit die Impfung wirkt, braucht man ein sehr gutes Kolostrum-Management. Und zudem können Durchfällte auch trotz Impfung auftreten, wenn auch nicht mehr ganz so stark.

Jedoch gibt es nicht gegen jeden Durchfallerreger Impfstoffe zur Prophylaxe. Deshalb werden in der Therapie häufig Antibiotika eingesetzt. Lässt sich Kälberdurchfall auch ohne Antibiotika stabilisieren oder sogar vollständig heilen, wenn frühzeitig richtig reagiert wird? Wann kannst du als Landwirt selbst handeln – und wann musst du den Tierarzt hinzuziehen bzw. wann sollte ein Antibiotikum eingesetzt werden?

Kälberdurchfall: unterschiedliche Erreger brauchen angepasste Behandlungsstrategien

Kälberdurchfall ist einer der häufigsten Gründe, warum im Stall zum Antibiotikum gegriffen wird. Und gleichzeitig einer der Fälle, bei denen es am häufigsten nicht nötig wäre. Denn die Wahrheit ist: Die meisten Durchfallerkrankungen bei Kälbern sind zu Beginn nicht bakteriell – sondern viral, parasitär oder fütterungsbedingt. Ein Antibiotikum hilft hier schlicht nicht. Was hilft, ist schnelles, gezieltes Handeln.

Was kannst du bei leichtem Kälberdurchfall selbst tun?

Ein Kalb mit dünnflüssigem Kot, das noch trinkt und kein oder nur leicht erhöhtes Fieber zeigt – das ist der Moment, in dem du ohne Antibiotikum gegensteuern kannst. Und solltest.

Was in dieser Phase wirklich hilft:

    • Elektrolyttränke konsequent einsetzen – je nach Schweregrad zusätzlich zur Milch oder zeitweise als Ersatz
    • NSAID bei Bedarf: senkt Fieber, stabilisiert den Kreislauf, verbessert das Allgemeinbefinden
    • Trocken einstreuen – klingt banal, macht aber einen riesigen Unterschied
    • Kälberdecke oder Wärmelampe bei Kältebelastung
    • Hygiene im Kälberbereich kritisch prüfen: Eimer, Nuckel, Buchten, Milchqualität

Das Ziel ist klar: Flüssigkeitsverlust ausgleichen, den Kreislauf stabilisieren und die Selbstheilung des Kalbes unterstützen. Kein Antibiotikum nötig – solange du früh genug hinschaust.

Mehr dazu: Kälberdurchfall – Ursachen und erste Maßnahmen

Wann wird Kälberdurchfall gefährlich – und wann muss der Tierarzt kommen?

Es gibt Momente, in denen Abwarten keine Option mehr ist. Diese Warnzeichen solltest du kennen – und ernst nehmen:

    • Das Kalb trinkt nicht mehr
    • Deutliche Schwäche oder Festliegen
    • Eingesunkene Augen – ein klares Zeichen für Dehydratation
    • Stark wässriger, z.T. gelblich-stinkender oder blutiger Durchfall ohne Besserungstendenz
    • Fieber oder Untertemperatur

Wenn eines dieser Zeichen auftritt: Tierarzt rufen.

Jetzt geht es um Infusionen, gezielte Therapie – und ja, bei bakterieller Beteiligung auch um ein Antibiotikum. Aber dann gezielt, nicht reflexartig.

Wann genau es kritisch wird und wie du den Schweregrad richtig einschätzt, liest du hier: Kälberdurchfall – wann wird es kritisch?

Wie kannst du den Antibiotikaeinsatz bei Kälberdurchfall noch reduzieren?

Wenn keine Impfstoffe verfügbar sind, kann die Herstellung eines Autogenen Bestandsimpfstoffes – auch bestandsspezifische oder stallspezifische Impfstoffe genannt – eine Lösung sein. Sie bieten eine maßgeschneiderte Möglichkeit, gezielt auf die Durchfall-Erregersituation in deinem eigenen Betrieb zu reagieren, und können so den Bedarf an antibiotischen Behandlungen deutlich senken. Bestandsimpfstoffe helfen jedoch nicht bei akuten Problemen, sondern können eine sehr gute prophylaktische Maßnahme sein.

Wie funktionieren Bestandsimpfstoffe bei Kälberdurchfall?

Für eine wirksame Prophylaxe wird zunächst die Bestandssituation sorgfältig analysiert, um die Leitkeime zu identifizieren. Besonders wichtig sind dabei zwei Erregergruppen: Clostridien und E. coli.

Clostridien gefährliche Darmkeime im Stall

Clostridien sind Bakterien, die in der Umwelt weit verbreitet sind und besonders unter sauerstoffarmen Bedingungen hervorragend gedeihen. Sie können schwere Durchfälle und plötzliche Todesfälle verursachen. Clostridium perfringens Typ C und D sind am häufigsten beteiligt und verursachen durch ihre Toxine zum Teil blutige Darmentzündungen mit massiven Durchfällen, die durch die Störung des Wasser- und Elektrolythaushalts lebensbedrohlich sein können.

E. coli – häufiger Verursacher von Kälberdurchfall

Pathogene Escherichia coli (E. coli) sind eine der Hauptursachen für Durchfall in den ersten Lebenstagen. Betroffene Kälber zeigen schnellen Flüssigkeitsverlust, Schwäche und oft wässrigen, gelblichen Durchfall. Es kommt zu einer massiven Störung des Wasser- und Elektrolythaushalts, der lebensbedrohlich sein kann.

Wenn die Erreger bestimmt sind, wird auf dieser Grundlage ein bestandsindividueller Impfstoff produziert, dessen Zusammensetzung jederzeit an eine veränderte Erregerlage angepasst werden kann. Ein stabil immunisierter Bestand verbessert nicht nur die Tiergesundheit, sondern wirkt sich durch geringere Behandlungskosten positiv auf die Betriebswirtschaft aus.

Hinweis: Die Bestandsimpfung kann je nach Alter der Tiere durch eine Muttertierschutzimpfung (Ausreichende Kolostrumversorgung ist sicher zu stellen) oder Kälberimpfung erfolgen.

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Mehr dazu erfährst du in diesem Artikel: Antibiotikaverbrauch senken durch autogene Bestandsimpfstoffe – so geht’s!

Fazit: Nicht jeder Durchfall braucht ein Antibiotikum – aber jeder braucht deine Aufmerksamkeit

Kälberdurchfall ist keine Erkrankung, bei der ein Schema für alle passt. Viral, bakteriell, parasitär, fütterungsbedingt – der Erreger bestimmt die Strategie. Und wer früh hinschaut, kann in vielen Fällen gezielt unterstützen, ohne sofort antibiotisch einzugreifen.

Elektrolyte, NSAID, trockene Einstreu, Wärme – das sind keine Notlösungen. Das ist gutes Handwerk. Wer dann aber die Warnzeichen kennt und beim festliegenden Kalb mit eingesunkenen Augen nicht zögert, macht alles richtig.

Langfristig lohnt es sich, einen Schritt weiter zu denken: Mutterschutzimpfung, Kolostrum-Management und bestandsspezifische Impfstoffe gegen Clostridien und E. coli können den Antibiotikaeinsatz dauerhaft senken – bevor das Problem überhaupt entsteht.

 


FAQ

Wann braucht ein Kalb mit Durchfall ein Antibiotikum?

Erst dann, wenn eine bakterielle Beteiligung wahrscheinlich ist. Aber auch gegen Kryptosporidien gibt es Antibiotika, die sowohl gegen E.coli (Bakterien) und als auch gegen die Einzeller wirken. Die Diagnose und Therapie gehören dann in die Hände des Tierarztes.

Was hilft bei Kälberdurchfall, wenn kein ohne Antibiotikum eingesetzt werden soll?

In leichten Fällen sind Elektrolyttränken die wichtigste Maßnahme – sie gleichen den Flüssigkeitsverlust aus und stabilisieren den Kreislauf. Ergänzend helfen NSAID zur Fiebersenkung, trockene Einstreu, Wärmeschutz und konsequente Hygiene im Kälberbereich.

Wie kann ich Kälberdurchfall im Bestand langfristig reduzieren?

Durch eine konsequente Kolostrumversorgung, eine gezielte Mutterschutzimpfung und – wenn nötig – bestandsspezifische Impfstoffe gegen die Leitkeime im eigenen Betrieb wie z.B. E. coli und Clostridien. Diese Maßnahmen wirken prophylaktisch und können den Antibiotikaeinsatz dauerhaft senken.

Wann muss bei Kälberdurchfall unbedingt ein Tierarzt kommen?

Sofort, wenn das Kalb nicht mehr trinkt, festliegt, eingesunkene Augen zeigt, Fieber oder Untertemperatur hat. Das sind Zeichen einer schweren Dehydratation – hier ist eine Infusion oft lebensnotwendig. Dein Tierarzt kann mit Durchfallschnelltests rausfinden, um welchen Erreger es sich handelt und dann das richtige Medikament verabreichen.

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