Der Ceva Blog für Rindergesundheit
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Biosicherheit ist das A und O in der Tierhaltung. Den meisten ist das schon bewusst – und doch wird Biosicherheit im Alltag immer noch stiefmütterlich behandelt. Bei dir auch?
QS hat bereits Vorgaben für Schweine- und Rinderhalter formuliert und auch wissenschaftliche Institutionen entwickeln intensiv Leitfäden für die Biosicherheit. Der Trend ist eindeutig: Biosicherheit wird in Zukunft noch stärker in den Fokus rücken.
Insbesondere die Kälberhaltung – und hier vor allem die frühe Igluhaltung – ist auf vielen Milchviehbetrieben ein häufig unterschätztes Handlungsfeld. Viele Betriebe setzen bereits zahlreiche Maßnahmen um, doch es lohnt sich, die wichtigsten Punkte regelmäßig zu überprüfen. Denn gerade in den ersten Lebenstagen eines Kalbes entscheiden kleine Stellschrauben über Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Langlebigkeit.
In den folgenden Punkten zeige ich dir die zentralen Stellschrauben, an denen du auf deinem Betrieb ansetzen kannst.
Eine erfolgreiche Kälberaufzucht startet mit sauber gewonnenem Kolostrum.
Achte darauf, dass du:
Bereits geringe Verunreinigungen durch bspw. coliforme Keime wie Escherichia coli können die Qualität des Kolostrums deutlich verschlechtern und das Risiko für Durchfallerkrankungen erhöhen. So wie auf dem Bild sollte der Tränkeeimer bitte nicht aussehen. Bei deinem Baby kochst du die Nuckel und Nuckelflaschen auch jedes Mal aus, warum nicht auch bei deinen Kälbern?

Neben der Sauberkeit spielt auch der Zeitfaktor der Verfütterung eine entscheidende Rolle. Lass Kolostrum deshalb nicht stehen: Keime vermehren sich schnell – auch bei geringeren Temperaturen unter 10 °C kann sich die Keimzahl innerhalb weniger Stunden verdoppeln (Lott et al., 2023). Zudem ist die Aufnahme von Antikörpern über den Darm nur für kurze Zeit möglich. Sorge deshalb dafür, dass das Kalb in den ersten Lebensstunden Kolostrum bekommt – nur dann kann es Immunglobuline effizient aufnehmen.
Dein Kalb kommt aufgrund der Plazentaform der Kuh ohne eigenen Immunschutz zur Welt. Die Kolostrumgabe ist somit die einzige Möglichkeit, ihm für die ersten Lebenstage einen wirksamen Schutz vor Krankheitserregern mitzugeben. Orientiere dich dabei an einer Kolostrummenge von etwa 10 % des Lebendgewichts.
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Hier können Sie sich eine Checkliste zur Kolostrumversorgung herunterladen.
Neben Hygiene, Zeitpunkt und Menge zählt vor allem der Antikörpergehalt, also die Qualität des Kolostrums – und die solltest du regelmäßig überprüfen.
Schau außerdem regelmäßig nach, ob die Antikörper auch wirklich im Kalb angekommen sind. Nimm dir dafür – je nach Betriebsgröße – etwa einmal im Jahr rund zehn gesunde Kälber zur Kontrolle vor. Wenn du Probleme im Bestand hast, prüfe das besser öfter – entweder über Blutuntersuchungen oder indirekt mit dem Refraktometer.

Sind Kolostrumqualität und Blutwerte in Ordnung und passt dein Kolostrummanagement, lohnt sich der Blick aufs große Ganze: Achte auf eine gute Trockensteherfütterung, beuge Milchfieber und Ketose beim Rind – die unterschätzte Stoffwechselstörung der Frühlaktation – alles was du wissen musst konsequent vor und sorge für einen möglichst stressfreien Geburtsverlauf. All das hat großen Einfluss auf die Kolostrumqualität und damit auf den Immunstatus deiner Kälber.
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Dein Ziel sollte es sein, den Erregerdruck im Kälberbereich so niedrig wie möglich zu halten. Mit ein paar klaren Routinen kannst du hier viel bewirken:
Konsequent saubere Utensilien, Technik und Arbeitsabläufe sind der Schlüssel, wenn du die Übertragung von Krankheitserregern vermeiden und den Erregerdruck im Stall dauerhaft senken willst. Achte dabei besonders auf folgende Punkte:
Für eine wirksame Hygieneroutine ist es entscheidend, zunächst alkalische Reiniger einzusetzen, da diese Milchfette, Eiweiße und Biofilme zuverlässig lösen und entfernen. Auf die gründliche Reinigung sollte eine gezielte Desinfektion, beispielsweise mit Chlordioxid-Präparaten, folgen, um verbliebene Mikroorganismen sicher zu inaktivieren. Vergiss dabei nicht die „Problemstellen“: Schläuche, Deckel und Ventile sind typische Keimnester – diese Bereiche solltest daher sorgfältig reinigen und desinfizieren.
Und auch dein eigenes Arbeiten macht den Unterschied: Achte konsequent auf saubere Stiefel im Kälberbereich. Stiefelwannen brauchst du dafür nicht – nutze lieber fest installierte Wasseranschlüsse oder Schläuche zur Reinigung oder arbeite mit einem separaten Paar Stiefel nur für diesen Bereich. Bei Neugeborenen Kälbern gilt außerdem: Immer mit Einmalhandschuhen arbeiten, um keine Keime zu übertragen.
Eine optimale Aufstallung ist die Basis für gesunde Kälber. Sie schützt vor Kälte und Nässe und unterstützt dein Kalb dabei, ein stabiles Immunsystem aufzubauen. Achte deshalb darauf, regelmäßig nachzustreuen, bevor die Liegefläche feucht oder kalt wird, und halte den Liegebereich konsequent trocken. Du kannst dich dabei am Nesting Score orientieren: Wenn du beim liegenden Kalb Beine und Gelenke kaum noch siehst, passt die Einstreumenge.
Auch die frühzeitige Wasserversorgung spielt eine wichtige Rolle. Stelle deinem Kalb ab dem 1. Lebenstag jederzeit frisches Wasser zur Verfügung – so förderst du die Faseraufnahme und die Entwicklung des Pansens (Aktivität der Pansenbakterien) (Lowe et al., 2022).
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Nach der Ausstallung entscheidest du mit einer sauberen Hygienekette darüber, ob sich Krankheitserreger weiterverbreiten oder nicht. Jeder Schritt baut auf dem vorherigen auf – lässt du einen aus, sinkt die Wirksamkeit deutlich.
Wenn Durchfälle häufiger auftreten, solltest du nicht nur symptomatisch behandeln, sondern gezielt nach den Ursachen suchen. Durch eine Kombination aus Prävention und Diagnostik lassen sich viele Probleme nachhaltig lösen. Allerdings darf bei akutem Durchfallgeschehen nicht gezögert werden: Ein rasches Eingreifen ist entscheidend, um die Ausbreitung des Erregers zu begrenzen und weitere Kälber vor einer Ansteckung zu schützen.
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Biosicherheit in der frühen Kälberhaltung ist kein einzelner Baustein, sondern das Zusammenspiel vieler kleiner, konsequent umgesetzter Stellschrauben. Saubere Kolostrumgabe, optimale Aufstallung, gezielte Hygienemaßnahmen und Prävention wirken zusammen und legen den Grundstein für gesunde Kälber. Wenn du diese Stellschrauben regelmäßig überprüfst und konsequent umsetzt, investiert du direkt in leistungsfähige Kühe von morgen.
Quellen:
1 Aust, V. (2013): Verfütterung von unbehandelter und pasteurisierter Sperrmilch und Tankmilch an Aufzuchtkälber: Auswirkungen auf Gewichtsentwicklung, Tiergesundheit und antimikrobielle Resistenzmuster fäkaler Bakterien. Dissertation, Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover
2 Elizondo-Salazar, J.A., Jones, C.M., Heinrichs, A.J. (2010): Evaluation of calf milk pasteurization systems on 6 Pennsylvania dairy farms. Journal of Dairy Science. https://doi.org/10.3168/jds.2010-3460
3 Lott, T.T., Wiedmann, M., Martin, N.H. (2023): Shelf-life storage temperature has a considerably larger effect than high-temperature, short-time pasteurization temperature on the growth of spore-forming bacteria in fluid milk. Journal of Dairy Science. https://doi.org/10.3168/jds.2022-22832
4 Lowe, G.L., Sutherland, M.A., Stewart, M., Waas, J.R., Cox, N.R., Schütz, K.E. (2022): Effects of provision of drinking water on the behavior and growth rate of group-housed calves with different milk allowances. Journal of Dairy Science. https://doi.org/10.3168/jds.2021-21304