Noch vor wenigen Jahren wurden viele Tierseuchen als Probleme anderer Länder wahrgenommen. Blauzungenkrankheit, EHD oder Lumpy Skin Disease schienen weit entfernt und spielten im betrieblichen Alltag deutscher Milchviehhalter kaum eine Rolle.
Inzwischen rücken diese Erkrankungen jedoch immer näher. Einige sind bereits in Deutschland angekommen, andere breiten sich in den Nachbarländern aus. Für Milchviehhalter stellt sich deshalb zunehmend nicht mehr die Frage, ob sie sich mit diesen Krankheiten beschäftigen sollten, sondern wann sie in der Region ankommen und für den eigenen Betrieb relevant werden könnten.
Wenn der Süden nach Norden kommt
Viele der aktuell diskutierten Tierseuchen haben eines gemeinsam: Sie werden durch Insekten übertragen. Vor allem Gnitzen der Gattung Culicoides spielen dabei eine wichtige Rolle.
Mildere Winter, längere Vegetationsperioden und höhere Durchschnittstemperaturen schaffen günstigere Bedingungen für diese Vektoren. Die Tiere sind früher im Jahr aktiv, bleiben länger aktiv und können sich in Regionen ausbreiten, die früher klimatisch ungeeignet waren.
Der Klimawandel verursacht zwar keine Tierseuchen. Er kann jedoch dazu beitragen, dass Krankheitserreger und ihre Überträger bessere Bedingungen vorfinden und sich leichter verbreiten.
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Blauzungenkrankheit – vom Ausnahmefall zum Dauerbegleiter
Die Blauzungenkrankheit ist in Deutschland keineswegs eine neue Erkrankung. Bereits zwischen 2006 und 2008 kam es zu einer großflächigen Ausbreitung des Serotyps BTV-8, von der zahlreiche Rinder- und Schafbestände betroffen waren. Durch konsequente Bekämpfungsmaßnahmen und Impfprogramme konnte Deutschland später wieder den Freiheitsstatus erreichen.
Mit dem Auftreten von BTV-3 in den Niederlanden, Belgien und Deutschland begann jedoch 2023 eine neue Ausbreitungswelle. Im Jahr 2024 wurden in Deutschland tausende Betriebe betroffen. Besonders Schafe erkrankten schwer, aber auch bei Rindern kam es zu Leistungseinbußen, Fruchtbarkeitsstörungen und klinischen Erkrankungen.
Während BTV-8 vor allem älteren Landwirten noch in Erinnerung sein dürfte, stellte BTV-3 die Rinder- und Schafhaltung erneut vor große Herausforderungen. Gleichzeitig zirkulieren in Teilen Europas weitere Serotypen wie BTV-4 und BTV-8, was zeigt, dass die Blauzungenkrankheit auch künftig ein wichtiges Thema bleiben wird.
Für die Praxis bedeutet das: Impfstrategien und Monitoring werden langfristig wichtiger werden.
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EHD – die wahrscheinlich nächste Herausforderung
Noch stärker als die Blauzunge beschäftigt Fachleute derzeit die Epizootische Hämorrhagische Krankheit (EHD).
Auch EHD wird durch Gnitzen übertragen. Anders als bei der Blauzungenerkrankung zeigen jedoch häufig Rinder (nicht Schafe) deutliche Krankheitserscheinungen. Fieber, Appetitlosigkeit, Schleimhautveränderungen, Leistungsabfall und Fruchtbarkeitsprobleme können auftreten.
Nachdem die Krankheit zunächst in Italien nachgewiesen wurde, breitete sie sich in den vergangenen Jahren in Frankreich massiv aus. Mittlerweile wurden dort mehrere tausend Ausbrüche registriert.
Deutschland ist bislang von EHD-Ausbrüchen verschont geblieben. Dazu beigetragen haben dürfte auch die schnelle und umfassende Impfstrategie Frankreichs und Belgiens, die darauf abzielte, die weitere Ausbreitung der Erkrankung frühzeitig einzudämmen. Aufgrund der geografischen Nähe und der zunehmenden Ausbreitung in mehreren europäischen Ländern gilt ein Eintrag nach Deutschland dennoch weiterhin als realistisches Risiko.
Für viele Experten ist EHD deshalb keine Frage des Ob, sondern eher des Wann.
Mehr zum Thema: Epizootische hämorrhagische Krankheit (EHD): Übertragungswege, Risikogebiete und wie Sie Ihre Tiere schützen
Lumpy Skin Disease – näher als je zuvor
Eine weitere Erkrankung, die in Europa zunehmend Aufmerksamkeit erhält, ist die Lumpy Skin Disease (LSD) - ähnlich wie Blauzunge und EHD – überwiegend durch blutsaugende Insekten übertragen.
Das Virus verursacht Fieber, knotige Hautveränderungen, Milchleistungsrückgang und Fruchtbarkeitsprobleme. Für den Menschen ist die Erkrankung ungefährlich, wirtschaftlich kann sie jedoch erhebliche Folgen haben.
Lange galt LSD als Problem Afrikas, des Nahen Ostens und der Türkei. Seit 2025 wurden jedoch erneut Ausbrüche in Südeuropa gemeldet. Damit ist die Krankheit näher an Deutschland herangerückt als jemals zuvor.
Auch wenn derzeit keine unmittelbare Bedrohung für deutsche Betriebe besteht, zeigt LSD eindrucksvoll, wie schnell sich die Tierseuchenlandschaft verändern kann.
Mehr über LSD erfährst du hier: Lumpy Skin Disease (LSD) bei Rindern – Neue Gefahr für Milchviehbetriebe
Und was ist mit der Maul- und Klauenseuche (MKS)?
Nicht jede Tierseuche hat direkt mit dem Klimawandel oder Insektenüberträgern zu tun (MKS wird nicht durch Insekten übertragen).
Die Maul- und Klauenseuche (MKS) erinnert uns daran, dass höchst ansteckende Erkrankungen jederzeit wieder auftreten können. Anfang 2025 wurde in Deutschland erstmals seit Jahrzehnten wieder ein MKS-Fall festgestellt. Gleichzeitig kam es zu Ausbrüchen in Ungarn und der Slowakei.
Die Situation konnte rasch eingedämmt werden. Dennoch zeigte sie eindrucksvoll, wie schnell Tierseuchen auch in Mitteleuropa wieder relevant werden können. Der zunehmende internationale Reise- und Warenverkehr sowie Tiertransporte über große Entfernungen erhöhen die Gefahr, dass Krankheitserreger über Ländergrenzen hinweg verschleppt werden. Dadurch können Tierseuchen, die bislang nur in weit entfernten Regionen vorkamen, innerhalb kurzer Zeit auch Europa erreichen.
MKS verdeutlicht, dass neben Impfungen und Gesundheitsprogrammen auch Biosicherheit, Tierverkehrskontrollen und eine frühzeitige Erkennung von Krankheitsanzeichen entscheidend bleiben.
Mehr zum Thema: Maul- und Klauenseuche zurück in Deutschland: Was Landwirte jetzt über MKS wissen müssen
Was bedeutet das für Milchviehbetriebe?
Die wichtigste Konsequenz lautet: Tiergesundheit wird zunehmend zur Aufgabe der Prävention.
Betriebe können weder das Klima noch die Ausbreitung von Vektoren beeinflussen. Sie können jedoch ihre Widerstandsfähigkeit verbessern:
- Impfprogramme regelmäßig überprüfen
- Biosicherheitsmaßnahmen konsequent umsetzen
- Krankheitsanzeichen früh erkennen
- Bestandsmonitoring nutzen
- Tierarzt und Bestand regelmäßig gemeinsam bewerten
- Kühe langfristig (auch mit kostenintensiven Mitteln) vor Hitzestress schützen
Gerade in Zeiten neuer Tierseuchen gewinnt die enge Zusammenarbeit zwischen Landwirt und Tierarzt an Bedeutung.
Fazit
Blauzungenkrankheit, EHD, Lumpy Skin Disease und zuletzt auch die Maul- und Klauenseuche zeigen, wie dynamisch sich die Tierseuchenlandschaft in Europa entwickelt. Krankheiten, die vor wenigen Jahren noch als weit entfernt galten, rücken näher an deutsche Milchviehbetriebe heran oder sind bereits angekommen.
Nicht jede dieser Entwicklungen ist auf den Klimawandel zurückzuführen. Während bei Blauzunge, EHD und LSD die Ausbreitung von Vektoren eine wichtige Rolle spielt, begünstigen internationaler Reiseverkehr, Tiertransporte und globale Warenströme die Einschleppung anderer Tierseuchen. Gemeinsam haben all diese Erkrankungen jedoch eines: Sie machen deutlich, wie wichtig Prävention, Biosicherheit und eine kontinuierliche Bestandsbetreuung geworden sind.
Die gute Nachricht ist, dass Landwirte den Entwicklungen nicht hilflos gegenüberstehen. Wer seinen Bestand aufmerksam beobachtet, Impfstrategien regelmäßig überprüft und gemeinsam mit seinem Tierarzt vorbeugende Maßnahmen umsetzt, schafft die besten Voraussetzungen, um auch zukünftigen Herausforderungen erfolgreich zu begegnen.
FAQ
Welche neuen Tierseuchen bedrohen aktuell Rinder in Deutschland?
Zu den derzeit wichtigsten Tierseuchen zählen die Blauzungenkrankheit (BTV), die Epizootische Hämorrhagische Krankheit (EHD), die Lumpy Skin Disease (LSD) sowie die Maul- und Klauenseuche (MKS). Während Blauzunge bereits in Deutschland auftritt, wurden EHD und LSD in den vergangenen Jahren zunehmend in europäischen Nachbarländern nachgewiesen.
Welche Rolle spielt der Klimawandel bei Tierseuchen?
Der Klimawandel verursacht keine Tierseuchen, kann aber ihre Ausbreitung begünstigen. Mildere Winter und längere warme Perioden verbessern die Lebensbedingungen von Insekten wie Gnitzen, die Krankheiten wie Blauzunge oder EHD übertragen. Dadurch können sich Erreger leichter in neuen Regionen etablieren.
Wie können sich Milchviehbetriebe vor neuen Tierseuchen schützen?
Wichtige Maßnahmen sind eine konsequente Biosicherheit, die regelmäßige Überprüfung von Impfprogrammen, eine gute Bestandsüberwachung und die enge Zusammenarbeit mit dem Hoftierarzt. Je früher Veränderungen erkannt werden, desto besser lassen sich mögliche Auswirkungen auf den Betrieb begrenzen.