Eine Kuh steht auf einem Spaltenboden in einem modernen Stall, rechts daneben bedient ein Mitarbeiter eine grüne Melk- oder Handlinganlage.

Gesunde Klauen? So geht’s! Das Fundament eines erfolgreichen Milchviehbetriebs

Dr. med. vet. Andrea Fiedler

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26.06.2026

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6 Min. Lesezeit

Eine gesunde Kuh ist eine leistungsstarke Kuh – das ist keine neue Erkenntnis. Doch wie eng Klauengesundheit, Tierwohl und Betriebswirtschaft wirklich zusammenhängen, wird im Alltag noch immer unterschätzt. Dabei ist die Botschaft eindeutig: Wer die Klauen im Blick behält, steigert Leistung, senkt Kosten und tut gleichzeitig etwas für seine Tiere.

Lahmheit – das unterschätzte Problem

Fragt man Landwirte nach den größten Herausforderungen in der Milchviehhaltung, kommen immer wieder dieselben drei Antworten: Eutergesundheit, Fruchtbarkeit und Klauengesundheit. Und doch werden diese drei Probleme sehr unterschiedlich behandelt – im wahrsten Sinne des Wortes.

Eine Mastitis wird in der Regel innerhalb von Stunden erkannt und behandelt. Sie ist sichtbar, sie wirkt sich unmittelbar auf Milchmenge und -Qualität aus, und sie fühlt sich dringend an. Lahmheit hingegen entwickelt sich schleichend. Die wirtschaftlichen Folgen – verminderte Milchleistung, schlechtere Fruchtbarkeit, höhere Behandlungskosten, frühzeitiger Abgang – treten verzögert auf und werden oft erst dann bemerkt, wenn der Schaden bereits erheblich ist. Tage oder sogar Wochen können vergehen, bevor eine lahme Kuh gezielt behandelt wird. Das ist zu spät.

Dabei sind die Zahlen deutlich: Weltweit sind schätzungsweise 25 bis 30 Prozent der Milchkühe von Lahmheit betroffen. Eine Studie in Deutschland zeigte bei Erhebungen an ca. 85000 Rindern, dass diese Zahlen auch in Deutschland (leider) realistisch sind. In dieser Studie (PraeRi) wurden an Stichtagen u.a. auch Bewegungsbeurteilungen in 750 teilnehmenden Betrieben erhoben. Dabei gab es Herden mit nur 6 % leicht lahmen Kühen, aber auch Herden mit über 70% lahmen Tieren. Die durchschnittlichen Raten an lahmen Tieren betrug je nach Bundesland durchschnittlich 30 bis 35%. Betriebe, die ein konsequentes Klauengesundheitsmanagement umsetzen, können diesen Anteil umgehend deutlich senken – ein Unterschied, der sich spürbar in der Betriebsbilanz niederschlägt.

Bewegungsbeurteilung: Der Blick auf den Gang lohnt sich

Ein einfaches, aber wirkungsvolles Werkzeug zur Früherkennung von Lahmheit ist die Bewegungsbeurteilung (englisch:Locomotion Scoring) – die systematische Beurteilung des Gangbildes. Forschungsergebnisse zeigen: Kühe mit einem besseren Locomotion Score („Bewegungsnote“) nehmen mehr Futter auf, haben eine bessere Fruchtbarkeit, geben mehr Milch und brauchen weniger Behandlungen. Ein flüssiges, symmetrisches Gangbild ist also nicht nur ein Zeichen von Gesundheit – es ist ein direkter Indikator für Leistung.

Ein geschultes Auge erkennt früh, wenn eine Kuh anfängt, ihren Gang oder ihre Körperhaltung zu verändern. Je früher diese Signale erkannt und dokumentiert werden, desto besser die Chancen auf eine schnelle und unkomplizierte Behandlung – und desto geringer der wirtschaftliche Schaden.

Behandlungsmethoden im Wandel

Auch die Art, wie Klauenprobleme behandelt und vorgebeugt werden, hat sich in den letzten Jahren deutlich verändert. Landwirte und Behörden sind zunehmend sensibilisiert für Fragen der Wirksamkeit, der Umweltverträglichkeit und des Tierwohls bei der Wahl von Behandlungsmitteln.

Häufig steht nicht der Einsatz von Medikamenten im Vordergrund – insbesondere die Fortbildungen von LandwirtInnen, KlauenpflegerInnen und Tierärtinnen und Tierärzten in der Funktionelle Klauenpflege haben einen Meilenstein in der Vorbeuge und in der Behandlung von Klauenerkrankungen ermöglicht. Das Wissen um einen korrekten Klauenschnitt und die Umsetzung gegebenfalls notwendiger Entlastungsschnitte, gepaart mit dem Einsatz von Klötzen, (Polster-) Verbänden und medizinisch notwendiger Schmerzbehandlung hat sich hier in den vergangenen Jahrzehnten stetig weiterentwickelt.

Einige früher weit verbreitete Mittel stehen heute unter Druck oder sind bereits verboten:

    • Antibiotika verlieren durch zunehmende Antibiotikaresistenzen an Wirksamkeit und sind Teil der globalen Bemühungen zur Reduzierung des Antibiotikaeinsatzes in der Tierhaltung.
    • Kupfersulfat-Bäder zur Behandlung von Klauenkrankheiten sind innerhalb der EU verboten.
    • Formalin wurde offiziell als krebserregend eingestuft und soll in immer mehr Ländern durch pflegende und hygienisierende Mittel ersetzt werden.

Diese Entwicklungen machen deutlich: Der Weg führt weg von Substanzen mit einem Risikoprofil, hin zu wirksameren, sichereren und nachhaltigeren Alternativen. Hier steht insbesondere die Haut- und Hornpflege im Fokus. Untersuchungen haben gezeigt, dass es wesentlich nachhaltiger ist, gesunde Klauen durch regelmäßigen Einsatz von Produkten mit pflegender Komponente erhalten, als mit ätzenden oder denaturierenden Produkten kranke Haut zu benetzen.

Klauenbad oder Sprühen – was ist besser?

Das Klauenbad ist nach wie vor die weltweit am häufigsten eingesetzte Methode zur Klauenhygiene. In den letzten zehn Jahren haben sich viele automatisierte Systeme etabliert, die den Aufwand für den Landwirt deutlich reduzieren. Doch auch das Sprühverfahren gewinnt zunehmend an Bedeutung – und hat klare Vorteile.

Beim Sprühen landet ein sehr hoher Anteil des Wirkstoffs direkt an der Klaue. Die Anwendung erfolgt einmal wöchentlich mit frischer Lösung – ohne das bei Klauenbädern bekannte Problem der schnell nachlassenden Wirkstoffkonzentration durch Verschmutzung und Verdünnung. Gleichzeitig eignet sich das Sprühverfahren gut für die Automatisierung: regelmäßige Anwendung ohne zusätzlichen Arbeitsaufwand.

Neben Tauchen und Sprühen sind Systeme, bei denen die Kuh durch Eintreten in Matten oder auf perforierte Oberflächen mit entsprechenden Produkten an den Klauen regelrecht umspült wird, oftmals sehr gut in die Prophylaxe integrierbar. Auch hier wird die Gebrauchslösung stets aktuell frisch genutzt.

Jungvieh und Trockensteher nicht vergessen

Ein häufig unterschätzter Aspekt des Klauengesundheitsmanagements betrifft Tiere, die nicht zur täglichen Melkroutine gehören: Jungvieh und Trockensteher. Dabei ist gerade hier Vorbeugung besonders wirkungsvoll. Eine Kuh, die bereits als Färse Klauenprobleme entwickelt, trägt ein deutlich erhöhtes Risiko für Folgeprobleme in späteren Laktationen – der Grundstein für chronische Klauenschwäche wird früh gelegt.

Eine Aufzucht unter optimalen Bedingungen bietet durch ad libitum Fütterung, später stets ausreichende Vorlage von hochwertigen Jungviehrationen und tiergerechte Haltung die Managementgrundlage für gesunde Klauen.

Ebenso wichtig: Zukauftiere können Erreger wie die Mortellaroschen Krankheit in eine bisher unbelastete Herde einschleppen. Klare Hygiene- und Biosicherheitskonzepte beim Zukauf sind deshalb keine Kür, sondern Pflicht.

Was das Haltungssystem beiträgt

Klauengesundheit hängt nicht nur von Behandlung und Pflege ab – das Haltungssystem spielt eine ebenso entscheidende Rolle. Wichtige Stellschrauben sind:

    • Rutschfeste, gut gepflegte Laufflächen reduzieren Verletzungsrisiken und mechanische Überbelastung der Klauen.
    • Komfortable Liegeboxen mit ausreichend Einstreu ermöglichen die notwendigen Liegezeiten – lahme Kühe stehen länger und verschlimmern dadurch ihre Situation.
    • Gute Drainage und Stallhygiene senken den Infektionsdruck, insbesondere für feuchtigkeitsbedingte Erkrankungen wie Mortellaro oder Ballenhornfäule.
    • Ausreichend Fress- und Tränkeplätze sowie ein ruhiger Kuhfluss ohne Sackgassen und Engstellen reduzieren Stress und Stehzeiten.

Dazu kommen Fütterung und Genetik als langfristige Faktoren: Eine ausgewogene, rohfaserreiche Ration schützt die Lederhaut vor Rehe-assoziierten Schäden, und eine gezielte Bullenauswahl anhand von Klauengesundheitszuchtwerten kann die genetische Anfälligkeit der Herde für bestimmte Erkrankungen dauerhaft senken

Ein klares Protokoll als Grundlage

All das braucht einen Rahmen – und den gibt ein konsequentes Klauenmanagement-Protokoll. Die Empfehlungen sind klar: Klauenpflege mindestens zwei- bis dreimal jährlich durch eine(n) professionellen KlauenpflegerIn, ergänzt durch regelmäßige Kontrollen und ggf. Einsatz von pflegenden, hygienisierenden Produkten als Vorbeugemaßnahme. Lahme Tiere werden sofort erkannt, registriert und über einen vollständigen Behandlungszeitraum von mindestens zehn Tagen konsequent therapiert – nicht nur kurz behandelt und wieder in die Herde geschickt.

Fazit

Gesunde Klauen sind kein Zufall. Sie sind das Ergebnis eines durchdachten Zusammenspiels aus regelmäßiger Pflege, gezielter Behandlung, gutem Haltungsmanagement und aufmerksamem Tierbeobachtung. Wer Lahmheit ernst nimmt – bevor sie offensichtlich wird –, schützt seine Tiere, entlastet seinen Betrieb und legt den Grundstein für langfristig stabile Leistungen. Der erste Schritt ist oft der einfachste: genauer hinschauen.

 


FAQ

Wie viele Milchkühe sind von Lahmheit betroffen und welche wirtschaftlichen Folgen hat das?

Weltweit sind schätzungsweise 25 bis 30 Prozent aller Milchkühe von Lahmheit betroffen. In Deutschland bestätigt die PraeRi-Studie (ca. 85.000 Rinder in 750 Betrieben) durchschnittliche Lahm­heitsraten von 30 bis 35 Prozent – je nach Bundesland. Die wirtschaftlichen Folgen sind erheblich: Lahme Kühe geben weniger Milch, haben eine schlechtere Fruchtbarkeit, verursachen höhere Behandlungskosten und scheiden früher aus der Herde aus. Betriebe mit konsequentem Klauengesundheitsmanagement können diese Raten deutlich senken und damit ihre Betriebsbilanz spürbar verbessern.

Was sind die besten Methoden zur Klauenpflege bei Milchkühen – Klauenbad oder Sprühverfahren?

Beide Methoden haben ihren Platz, unterscheiden sich aber in Effizienz und Aufwand. Das Klauenbad ist weltweit am weitesten verbreitet und durch moderne automatisierte Systeme gut in den Betriebsalltag integrierbar. Das Sprühverfahren bietet jedoch klare Vorteile: Der Wirkstoff gelangt gezielt und in hoher Konzentration direkt an die Klaue, die Lösung ist bei jeder Anwendung frisch – ohne das Problem der nachlassenden Wirkstoffkonzentration durch Verschmutzung wie beim Klauenbad. Ergänzend gewinnen Matten- und Durchlaufsysteme an Bedeutung, bei denen die Klaue vollständig mit frischer Lösung umspült wird. Unabhängig von der Methode gilt: Pflegende, hygienisierende Produkte sind ätzenden oder denaturierenden Mitteln klar vorzuziehen – gesunde Klauen zu erhalten ist nachhaltiger als kranke Haut zu behandeln.

Welche Faktoren im Haltungssystem beeinflussen die Klauengesundheit von Rindern?

Die Klauengesundheit wird maßgeblich durch das Haltungssystem beeinflusst. Folgende Faktoren sind entscheidend:

    • Rutschfeste, gepflegte Laufflächen reduzieren Verletzungen und mechanische Überbelastung der Klauen.
    • Komfortable Liegeboxen mit ausreichend Einstreu ermöglichen die nötigen Liegezeiten – lahme Kühe stehen länger und verschlechtern damit ihre Situation.
    • Gute Drainage und Stallhygiene senken den Infektionsdruck, besonders bei feuchtigkeitsbedingten Erkrankungen wie Mortellaro oder Ballenhornfäule.
    • Ausreichend Fress- und Tränkeplätze sowie ruhiger Kuhfluss ohne Engstellen reduzieren Stress und unnötige Stehzeiten.
    • Fütterung: Eine rohfaserreiche, ausgewogene Ration schützt die Lederhaut vor Rehe-assoziierten Schäden.
    • Genetik: Gezielte Bullenauswahl anhand von Klauengesundheitszuchtwerten senkt die genetische Anfälligkeit der Herde langfristig.

Auch Jungvieh und Trockensteher sollten ins Klauenmanagement einbezogen werden – Probleme, die früh entstehen, wirken sich oft auf alle späteren Laktationen aus.

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