Belüftung im Stall

Warum steigt die Zellzahl im Sommer? 5 Ursachen, Folgen und praktische Lösungen

Dr. Christina Hirsch

·

12.06.2026

·

7 Min. Lesezeit

Hitzestress, Stallklima und Fliegenbelastung können die Eutergesundheit erheblich beeinträchtigen. Welche Faktoren dahinterstecken und wie Sie Ihre Kühe wirksam entlasten können.

Die Zellzahlen waren das ganze Frühjahr stabil – und plötzlich schießen sie im Juni oder Juli nach oben. Viele Milchviehhalter kennen dieses Phänomen. Oft wird zunächst die Melktechnik oder die Melkhygiene verdächtigt. Tatsächlich liegt die Ursache jedoch häufig ganz woanders: Hitzestress, Fliegenbelastung und ein steigender Keimdruck setzen den Kühen in den Sommermonaten erheblich zu.

Hohe Zellzahlen sind dabei weit mehr als nur ein Qualitätsproblem. Sie weisen auf Entzündungsprozesse im Euter hin und können erhebliche wirtschaftliche Folgen haben. Neben Milchgeldabzügen drohen Leistungseinbußen, erhöhte Behandlungskosten und langfristige Probleme für die Eutergesundheit.

Warum steigen die Zellzahlen im Sommer?

Steigende Zellzahlen haben selten nur eine einzige Ursache. Vielmehr kommen im Sommer mehrere Belastungsfaktoren zusammen, die das Immunsystem der Kühe schwächen und das Risiko für Euterentzündungen erhöhen.

Zu den wichtigsten Einflussfaktoren zählen:

    • Hitzestress
    • steigender Keimdruck im Stall
    • Fliegen- und Insektenbelastung
    • Probleme bei Wasser- und Futterqualität
    • feuchte Liegeflächen und mangelnde Stallhygiene

Besonders Hitzestress spielt dabei eine zentrale Rolle.

1. Ursache: Hitzestress schwächt die Abwehrkräfte 

Milchkühe fühlen sich bei deutlich niedrigeren Temperaturen wohl als Menschen. Bereits bei Temperaturen, die für uns angenehm erscheinen, können Hochleistungskühe unter Hitzestress leiden.

Unter Hitzestress verändern Kühe ihr Verhalten:

    • Sie stehen häufiger.
    • Sie liegen weniger.
    • Sie suchen Luftbewegung.
    • Sie fressen weniger.
    • Sie trinken mehr.

Die verminderte Futteraufnahme führt zu einer schlechteren Energieversorgung der Kuh und belastet den Stoffwechsel. Viele Kühe verlagern ihre Futteraufnahme während Hitzeperioden zunehmend in die kühleren Nachtstunden. Dadurch entstehen längere Phasen mit geringer Futteraufnahme, während anschließend größere Futtermengen in kurzer Zeit aufgenommen werden. Diese unregelmäßigen Fressmuster können die Stabilität des Pansenmilieus beeinträchtigen und das Risiko für eine subakute – oder auch akute - Pansenazidose erhöhen. Gleichzeitig wird das Immunsystem belastet und die körpereigene Abwehr arbeitet weniger effektiv. Krankheitserreger haben dadurch leichteres Spiel und können sich leichter im Euter oder auch in den Klauen etablieren.

Hitzestress beginnt deutlich früher, als viele Landwirte vermuten.

Lies auch: Hitzestress: Hohe Temperaturen vermindern Leistung und Fruchtbarkeit

Milchkühe tragen gewissermaßen ihre eigene Heizung mit sich herum

Durch die intensive Arbeit der Pansenmikroben entsteht bei der Verdauung ständig Wärme. Hinzu kommt die hohe Stoffwechselleistung einer Milchkuh, insbesondere bei hohen Milchleistungen. Deshalb können Hochleistungskühe bereits bei Temperaturen von etwa 20 bis 22 °C erste Anzeichen von Hitzestress zeigen – lange bevor Menschen die Temperaturen als belastend empfinden.

Gerade deshalb lohnt es sich, bereits zu Beginn der warmen Jahreszeit Maßnahmen zur Kühlung der Tiere zu ergreifen.

Ventilation und Kühlung: Die wichtigste Stellschraube im Sommer

Wenn Kühe ihre Körperwärme nicht ausreichend abgeben können, steigen Stressbelastung und Krankheitsanfälligkeit.

Eine gute Stallbelüftung gehört deshalb zu den wirksamsten Maßnahmen, um sommerlichen Zellzahlanstiegen vorzubeugen.

Ventilatoren sind heute keine Luxusausstattung mehr

Moderne Ventilatoren erhöhen die Luftgeschwindigkeit im Tierbereich und unterstützen die natürliche Wärmeabgabe der Kühe.

Die Vorteile:

    • höhere Futteraufnahme
    • längere Liegezeiten
    • bessere Wiederkauaktivität
    • geringerer Hitzestress
    • stabilere Milchleistung
    • bessere Fruchtbarkeit
    • geringeres Mastitisrisiko

Ventilatoren gehören heute zu den effektivsten Maßnahmen gegen sommerliche Zellzahlanstiege.

Besonders sinnvoll sind Ventilatoren:

    • über den Liegeboxen
    • entlang des Fressgitters
    • in Wartebereichen vor dem Melkstand
    • in Bereichen mit hoher Tierdichte

Kühlung durch Wasser und Luft

Kühlender Wassernebel fällt auf den Rücken einer Milchkuh

In Regionen mit hoher Wärmebelastung können zusätzliche Sprüh- oder Befeuchtungssysteme die Kühlung unterstützen.

Dabei gilt jedoch:

Wasser allein kühlt die Kuh nicht. Erst die Kombination aus Wasser und ausreichender Luftbewegung erzeugt die gewünschte Verdunstungskälte.

Nur wenn die Luft bewegt wird, kann die Feuchtigkeit auf Haut und Fell verdunsten und die Körpertemperatur der Tiere effektiv gesenkt werden.

Wichtig ist außerdem, dass die Kühe nicht komplett nass werden. Bleibt das Fell dauerhaft nass, läuft Wasser entlang des Körpers bis in den Euterbereich. Dabei können Schmutzpartikel, Kot und Bakterien vom Fell mitgeführt werden und sich an den Zitzen sammeln. Die Zitze bildet häufig den tiefsten Punkt am Körper, sodass Wassertropfen dort stehen bleiben oder abtropfen. Dadurch erhöht sich die Keimbelastung im unmittelbaren Bereich des Strichkanals.

Gelangen Krankheitserreger anschließend in den Strichkanal, kann das Risiko für Neuinfektionen und Euterentzündungen steigen. Kühlungs- und Befeuchtungssysteme sollten deshalb immer so eingestellt werden, dass die Kühe wirksam gekühlt werden, Euter und Zitzen jedoch nicht dauerhaft feucht bleiben.

Mehr zum Thema Euterentzündungen findest du in diesem Artikel:

Mastitis im Stall: Wann du ohne Antibiotikum auskommst – und wann nicht

Gesunde Euter - gesunde Kühe! Vorbeugen ist besser als Heilen 

2. Ursache: Fliegen erhöhen den Stress und den Keimdruck

Mit steigenden Temperaturen nimmt auch die Fliegenpopulation im Stall deutlich zu.

Fliegen verursachen nicht nur Stress und Unruhe, sondern können auch Krankheitserreger zwischen Tieren übertragen. Kühe verbringen mehr Zeit mit Schwanzschlagen, Hautzucken und Abwehrbewegungen, wodurch Fressen und Ruhen zusätzlich beeinträchtigt werden.

Eine konsequente Fliegenbekämpfung sollte daher bereits im Frühjahr beginnen und verschiedene Maßnahmen kombinieren:

    • regelmäßige Reinigung
    • Beseitigung von Brutstätten
    • Larvenbekämpfung
    • Insektizide bei Bedarf z.B. zum Streichen
    • mechanische Fallen

3. Ursache: Verunreinigtes Wasser - der am meisten unterschätzte Faktor

An heißen Tagen steigt der Wasserbedarf einer Milchkuh erheblich an. Hochleistungskühe können problemlos mehr als 100 Liter Wasser pro Tag aufnehmen.

Wasser beeinflusst:

    • Futteraufnahme
    • Milchleistung
    • Stoffwechsel
    • Thermoregulation
    • Immunfunktion

Eine gute Wasserversorgung ist häufig die günstigste Form der Leistungssteigerung im Sommer.

Deshalb sollten Landwirte regelmäßig kontrollieren:

    • Sind genügend Tränkeplätze vorhanden?
    • Ist die Durchflussmenge ausreichend?
    • Sind die Tränken sauber?
    • Können rangniedrige Tiere problemlos trinken?

Lies auch zum Thema Wasser: Hilfe, meine Kühe trinken schlecht, woran kann es liegen?

4. Ursache: Schlechte Futterqualität durch Hitze

Während der Sommermonate steigt das Risiko für Nacherwärmung und Verderb von Silagen deutlich an.

Erwärmtes Futter:

    • wird schlechter aufgenommen (ist weniger schmackhaft…)
    • belastet den Stoffwechsel
    • verschärft Hitzestress
    • kann die Immunabwehr beeinträchtigen

Besonders kritisch sind schlecht verdichtete Silagen und Vorschubflächen mit längeren Standzeiten.

Eine regelmäßige Kontrolle der Futtertemperatur lohnt sich daher gerade in den Sommermonaten. Mit einem einfachen Fieberthermometer lässt sich schnell überprüfen, ob das Futter am Futtertisch bereits warm geworden ist. Erwärmtes Futter ist häufig ein erstes Warnsignal für Nacherwärmung und sollte nicht unterschätzt werden.

5. Ursache: Dreckige Liegeflächen erhöhen den Infektionsdruck

Viele Mastitiserreger stammen direkt aus der Umgebung der Kuh.

Feuchtigkeit und Wärme schaffen ideale Bedingungen für die Vermehrung von Umweltkeimen. Verschmutzte Liegeflächen erhöhen dadurch das Risiko für Neuinfektionen.

Wichtige Maßnahmen sind:

    • trockene Liegeboxen
    • ausreichende Einstreu
    • regelmäßiges Nachstreuen
    • gute Stallbelüftung
    • konsequente Hygiene

Sommer-Checkliste gegen hohe Zellzahlen

  • Ventilatoren funktionsfähig?

  • Ausreichende Luftbewegung im Tierbereich vorhanden?

  • Wassertröge sauber?

  • Genügend Tränkeplätze verfügbar?

  • Silagen frei von Nacherwärmung?

  • Liegeboxen trocken und sauber?

  • Fliegenmanagement umgesetzt?

  • Melkanlage regelmäßig überprüft?

  • Problemkühe identifiziert?

  • Wartebereiche ausreichend gekühlt?

Fazit: Eutergesundheit entsteht nicht erst im Melkstand

Hohe Zellzahlen im Sommer sind meist kein Zufall. Vielmehr treffen mehrere Belastungsfaktoren gleichzeitig auf die Kühe. Hitzestress, Fliegenbelastung, steigender Keimdruck sowie Probleme bei Wasser- und Futterversorgung können die Eutergesundheit erheblich beeinträchtigen.

Ein wirksames Sommermanagement beginnt deshalb lange bevor die Zellzahlen ansteigen. Kühlung, Ventilation, Hygiene und Tierkomfort gehören zu den wichtigsten Stellschrauben für stabile Zellzahlen und gesunde Euter.

Wer seinen Kühen die Sommermonate möglichst angenehm gestaltet, schafft die Grundlage für Gesundheit, Leistung und Wirtschaftlichkeit.

 


Häufige Fragen zu hohen Zellzahlen im Sommer

Warum steigt die Zellzahl bei Milchkühen im Sommer an?

Hitzestress schwächt die Immunabwehr der Kühe. Gleichzeitig nehmen Futteraufnahme und Liegezeiten ab, während sich viele Krankheitserreger bei warmen Temperaturen schneller vermehren. Dadurch steigt das Risiko für Euterentzündungen und erhöhte Zellzahlen.

Helfen Ventilatoren gegen hohe Zellzahlen?

Ja. Ventilatoren reduzieren Hitzestress, fördern die Futteraufnahme und unterstützen die Immunfunktion der Kühe. Dadurch kann das Risiko für Mastitiden und steigende Zellzahlen sinken.

Welche Maßnahme bringt im Sommer den größten Effekt gegen zu hohe Zellzahlen in der Milch?

Die Kombination aus guter Stallbelüftung, ausreichender Wasserversorgung, trockenen Liegeflächen, konsequenter Fliegenbekämpfung und einer wirksamen Kühlung der Tiere gehört zu den effektivsten Strategien gegen sommerliche Zellzahlanstiege.

Wie kühlt man Kühe effektiv, ohne das Mastitisrisiko zu erhöhen?

Effektive Kühlung entsteht nicht durch Wasser allein, sondern erst durch die Kombination aus Wasser und ausreichender Luftbewegung, die Verdunstungskälte erzeugt. Werden Kühe dabei zu stark durchnässt, kann Wasser mit Schmutz und Bakterien entlang des Körpers bis zu den Zitzen laufen und dort die Keimbelastung erhöhen – was das Risiko für Euterentzündungen steigert. Kühlsysteme sollten deshalb so eingestellt sein, dass die Tiere wirksam gekühlt, Euter und Zitzen aber nicht dauerhaft feucht bleiben.

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