Die wirtschaftliche und nachhaltige Haltung von Milchkühen in Verbindung mit der Fruchtbarkeit der Kühe ist ein Kernthema, das für jeden verantwortungsbewussten Landwirt wichtig ist, wenn ein Betrieb auch in Zukunft erfolgreich laufen soll. Dabei gibt es in der Rinderhaltung schon jetzt viele bekannte Stellschrauben, an denen man als Landwirt wirksam drehen kann: Haltungsbedingungen modernisieren, Stressfaktoren reduzieren, gesundheitliche Vorsorge zum Beispiel durch Impfungen, schnelles und wirksames Reagieren bei Erkrankungen, Optimierung des Kälbermanagements und natürlich die Verbesserung der Fruchtbarkeit der Kühe. Diese Faktoren sind bekannt und können durch den Landwirt aktiv beeinflusst werden.

Darüber hinaus liegt es aber auch in der Natur der Tiere, wie lebensstark und leistungsfähig sie sind. Gibt es hier einen grundsätzlichen Zusammenhang zwischen der Geburt, dem Beginn der Produktivität mit der ersten Kalbung bis hin zum Tod des Tiers? Bisher wurde im Hinblick auf die Leistungsfähigkeit in vielen Untersuchungen meistens nur die Leistung der Kühe nach dem ersten Abkalben betrachtet. Doch welchen Einfluss haben bereits die Geburtsbedingungen auf die langfristige Entwicklung eines Kalbes bzw. der späteren Milchkuh? Eine Studie aus Kanada1 bringt nun neue Fakten: Sie untersucht die Geburtsbedingungen und ihre Auswirkungen auf Lebensdauer und Länge des produktiven Lebens. Die Erkenntnisse können dazu beitragen, zum Beispiel die Zuchtauswahl und Fruchtbarkeitsstrategie zu optimieren und damit langfristig die Wirtschaftlichkeit, Zukunftsfähigkeit und Nachhaltigkeit eines Betriebs zu sichern und zu steigern.

  • Geburt beeinflusst Lebensdauer und Produktivität der Milchkühe
  • Große und mittelgroße Kälber sind auch langfristig im Vorteil
  • Kleine Kälber und Zwillingskälber bleiben meistens immer schwächer
     

Auswirkung der Geburt auf Lebensdauer und produktives Leben

Die kanadische Studie1 untersuchte in großer Breite über 5.000 Milchviehherden in Quebec auf Grundlage von Daten, die von 1999 bis 2015 routinemäßig durch Diary Herd Improvement Agenturen erhoben wurden.
Ziel war die Betrachtung der Geburtsverhältnisse und die Vitalität der Kälber vom ersten Tag an mit Blick auf die spätere Lebensdauer und die Länge des produktiven Lebens. Die Länge der Lebensdauer bezeichnet im Sinne der Studie die Zeitspanne von der Geburt der Tiers bis zum Tod oder Keulung. Die Länge des produktiven Lebens berechnet sich zwischen dem ersten Kalben und dem Tod des Tiers oder Keulung.

Zu den beiden Zielgrößen wurden über 700.000 bzw. über 500.000 Datensätze ausgewertet, so dass die Schlussfolgerungen durchaus als stichhaltig gewertet werden können. Dabei wurden in der Untersuchung insbesondere die drei folgenden Geburtsfaktoren bewertet:

  • Leichtigkeit des Abkalbens
    Wie lief die Geburt ab? Natürlich ohne notwendige Hilfe, mit Unterstützung, durch Kaiserschnitt oder kam es zu Fehlstellungen.
  • Größe des Kalbs
    Die Kälber wurden anhand ihrer Größe als klein, mittelgroß und groß eingestuft.
  • Zwillingsgeburt
    Es wurde festgehalten, ob ein Kalb ein Einzel- oder Zwillingstier ist.
    Landwirt trägt Kälbchen auf dem Arm
Vorteil für Einzelgeburten sowie groß und mittelgroß geborene Kälber

Das Ergebnis der Studie zeigte dann tatsächlich spannende Zusammenhänge auf. Geburtsumstände und Geburtswerte eines Kalbs wirkten sich erkennbar auf die spätere Lebenslänge und die Länge des produktiven Lebens aus:

Lebenslänge

  • Kälber mit großer und mittelgroßer Geburtsgröße, die aus einer problemlosen, nicht unterstützten Geburt hervorgingen, hatten die höchste Lebenslänge im Mittelwert von 3,6 Jahren.

  • Kleine Kälber, die aus einer Zwillingsgeburt stammten, hatten die geringste Lebenslänge im Mittel von 2,2 Jahren und ein 1,5-mal höheres Risiko, früher gekeult zu werden.

Länge des produktiven Lebens

  • Kälber mit großer und mittelgroßer Geburtsgröße, die aus einer nicht unterstützten oder einem Kaiserschnitt hervorgingen, hatten die längste produktive Nutzungsdauer im Mittelwert von 2 Jahren.

  • Kälber aus einer Fehlstellung oder aus einer Zwillingsgeburt hatten die kürzeste Länge produktiven Lebens von im Mittel nur 1,25 Jahren. Sie haben ein 1,7-mal höheres Risiko, früher gekeult zu werden.

Länge des produktiven Lebens von KälbernSüßes braun weißes Kälbchen stehendTabelleGeburtsbedingungen sind erster Leistungsindikator für spätere Milchkühe

Anhand der Ergebnisse der Studie kann davon ausgegangen werden, dass die Geburtsbedingungen der Kälber einen langfristigen Einfluss auf die Lebensdauer und die produktive Zeitspanne als Milchkuh haben.
Leichtigkeit des Abkalbens, Größe der Kälber und Zwillingsbildung liefern damit erste stichhaltige Hinweise auf die spätere Leistungsfähigkeit der Tiere. Insbesondere die Faktoren "geringe Geburtsgröße" und "Zwillingsgeburt" haben im Durchschnitt sowohl die Reduzierung der Länge der Lebensdauer als auch der Länge des produktiven Lebens zur Folge.

Damit sollte klar sein: Es ist nicht nur wichtig, die Fruchtbarkeit der Tiere im eigenen Betrieb generell zu optimieren und die Kühe tragend zu bekommen. Langfristig ist es auch entscheidend, immer wieder die besten Tiere auszuwählen, um die Chancen auf gesunden, starken und potenziell leistungsfähigeren Nachwuchs zu maximieren!

Mehr zur Geburtshilfe beim Kalb lesen Sie hier.

Informationen für erfolgreiches Kälber- und Herdenmanagement nutzen!

Welche Folgerungen kann man in der Praxis daraus ziehen? Sicherlich sollte man mit den Erkenntnissen nicht alle Tiere der eigenen Herde über einen Kamm scheren. Bestimmt lassen sich durch optimale Kälberversorgung auch Entwicklungsrückstände schwächerer Kälber zu einem gewissen Teil aufholen, so dass sie trotzdem zu hinreichend produktiven Milchkühen heranwachsen.

Doch auf jeden Fall ist es sinnvoll, die einzelnen Kälber genau im Blick zu behalten und ihre Entwicklung von der Geburt an zu überwachen und zu protokollieren. Auf dieser eigenen Datengrundlage und mit den aus der Studie gewonnenen Informationen kann man dann Entscheidungen vorbereiten und treffen – zum Beispiel für die frühzeitige Auswahl von „Ersatzkandidaten“, für Entfernungen aus der Herde und für eine Optimierung der Remontierungsstrategie, um die Leistung und Effizienz der eigenen Milchviehherde langfristig zu stärken.

So rückt dann auch das langfristige Ziel der wirtschaftlichen und nachhaltigen Haltung unserer Kühe wieder einen Schritt näher. Im Klartext: Kälber, die als Kühe länger leben und länger produktiv sind, sind nicht nur für den wirtschaftlichen Erfolg des Betriebs relevant. Als langlebige und produktive Kühe hinterlassen sie einen besseren ökologischen Fußabdruck und machen die eigene Milchviehhaltung nachhaltiger und zukunftsfähig.

Erfahren Sie hier mehr über die Vorteile und Umsetzung eines niedrigen Erstkalbealters.

Quelle:

1 Birth conditions affect the longevity of Holstein offspring (Gabriel M. Dallago, Roger I. Cue, Kevin M. Wade, René Lacroix and Elsa Vasseur)