Optimierung der Fruchtbarkeit bei Kühen: Der high fertility cycle!

Dr. Sebastian Jander

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23.10.2023

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7 Min. Lesezeit

Die durchschnittliche schwarzbunte Milchkuh erreicht nur ein Alter von 5,5 Jahren. Das entspricht einer Nutzungsdauer von 38,9 Monaten (etwa 2-3 Laktationen)1,2. Dabei ist Fruchtbarkeit immer noch der häufigste unfreiwillige Abgangsgrund der Tiere aus einem Betrieb1.

Welche Möglichkeiten habe ich als Landwirt dem entgegenzuwirken? Gibt es Managementstrategien, um die Fruchtbarkeit in meiner Herde zu verbessern und langlebigere, gesunde und leistungsfähige Kühe in meinem Betrieb zu halten? Ein neuer Review von Prof. Paul Fricke aus Wisconsin, einem Experten auf dem Gebiet der Rinderfruchtbarkeit, zeigt eindrucksvoll einen möglichen Weg: den high fertility cycle3.

Mehr zum Thema Fruchtbarkeit und einen praktischen Leitfaden für Ihren Betrieb finden Sie hier.

Highlights des high fertility cycle

  • Kühe, die zu einem bestimmten Zeitpunkt nach der freiwilligen Wartezeit tragend werden, haben weniger BCS-Zuwachs (Verfettung) in der aktuellen Laktation und verlieren auch weniger BCS nach der nächsten Kalbung (BCS = Body condition score; Veränderungen im BCS sind ein Marker für die Energiebilanz einer Kuh)
  • Diese Tiere haben weniger Gesundheitsprobleme, eine bessere Fruchtbarkeit zur ersten Besamung und weniger Trächtigkeitsverluste
  • Der high fertility cycle (siehe Abbildung 1) ist ein Modell, das einen Großteil der Variationen in modernen Milchviehherden erklären könnte
    Abbildung 1 Schema des high fertility cycle

Abbildung 1: Schema des high fertility cycle. Modifiziert nach Fricke et al. 20233

Die Beziehung zwischen Fruchtbarkeit, Gesundheit und Energiebilanz (BCS)

Der BCS ist ein praktisches Managementtool, um den Körperfettanteil von Kühen zu bestimmen und Veränderungen im BCS sind ein guter Marker für die Energiebilanz einer Kuh. Schon 1992 stellte Jack Britt die Hypothese auf, dass der Verlust von BCS nach der Kalbung, also eine negative Energiebilanz, negative Einflüsse auf die Follikelentwicklung und damit die Fruchtbarkeit hat. Jahrzehnte später konnten auch weiterführende Studien das belegen4.
Kuh auf der Suche
Kühe, die nach der Abkalbung BCS verlieren haben also eine schlechtere Fruchtbarkeit als solche, die ihren BCS halten oder sogar im BCS zulegen können.Die Kernfrage ist also, welche Faktoren beeinflussen wie sich der BCS einer Kuh nach der Abkalbung verändert?

Eine Studie von Barletta aus dem Jahr 2017 kann diese Frage beantworten5. Ein wesentlicher Faktor für die Entwicklung des BCS nach der Kalbung scheint der BCS 3 Wochen vor der Kalbung zu sein. Über 90% der Kühe die zu diesem Zeitpunkt einen BCS von >3,0 aufweisen verlieren nach der Kalbung BCS, während es bei einem BCS <3,0 nur 34% der Tiere sind. Außerdem konnte Barletta zeigen, dass Tiere, die nach der Kalbung ihren BCS erhöhten oder hielten zu einem deutlich geringeren Anteil an Erkrankungen wie Metritis, Mastitis, Ketose oder Pneumonie litten (40%), als Tiere die BCS verloren (60%). Kausale Zusammenhänge zwischen Gesundheit und BCS-Veränderungen bedürfen weiterer Forschung, sind aber auch in vielen anderen Studien bereits beschrieben worden3.

Tiere, die es nicht schaffen nach der freiwilligen Wartezeit zeitnah tragend zu werden, beispielsweise aufgrund gesundheitlicher Probleme oder einer negativen Energiebilanz verbringen mehr Zeit in der späten Laktation mit einer niedrigeren Leistung und neigen zu einem höheren Fettzuwachs in dieser Zeit und exzessiver Fettmobilisation in der folgenden Transitphase.

Das Ziel sollte es also sein die Abkalbung überkonditionierter Tiere zu vermeiden, um einem übermäßigen BCS-Verlust entgegenzuwirken und zeitgleich eine bessere Fruchtbarkeit und Gesundheit in der Herde zu etablieren.Wie kann also vermieden werden Tiere mit einem hohen BCS (überkonditionierte Tiere) zur Abkalbung zu haben?

Eine weitere Studie von Middleton (2019) hat sich mit dieser Frage auseinandergesetzt6. In dieser Studie wurden 850 Tiere in einem Betrieb in Michigan im Zeitraum einer Woche vor der Kalbung bis drei Wochen nach der Kalbung beobachtet. Hierbei konnte ein Zusammenhang zwischen der vorherigen Zwischenkalbezeit und dem BCS-Verlust nach der aktuellen Kalbung festgestellt werden (siehe Abbildung 2); je länger die Zwischenkalbezeit, desto stärker der BCS-Verlust.

Milchkühe im modernen Freiviehstall
Die Zwischenkalbezeit setzt sich aus den festgelegten Parametern Trächtigkeitsdauer (circa 280 Tage) und Freiwilliger Wartezeit (betriebsindividuell, aber immer festgelegt), sowie der hoch variablen Güstzeit (Zeit von Kalbung bis Trächtigkeit) zusammen. Tiere mit einer längeren Zwischenkalbezeit sind also später tragend geworden als Kühe mit einer kurzen Zwischenkalbezeit.

Und auch in dieser Studie konnten eine bessere Fruchtbarkeit und Gesundheit beobachtet werden bei Tieren, die ihren BCS hielten oder erhöhten, im Vergleich zu Tieren mit BCS-Verlust (siehe Abbildung 3).

Ein höherer BCS-Verlust nach der Kalbung ist jedoch auch positiv mit der Milchleistung verbunden; sprich Tiere mit einem höheren BCS-Verlust geben mehr Milch7. Es kann also sein, dass Abstriche notwendig sind, um Kühe in den high fertility cycle zu integrieren. Demgegenüber haben Tiere innerhalb des high fertility cycle allerdings vermutlich weniger Risiko der Krankheitsbehandlung oder der Remontierung und könnten so langlebiger und insgesamt leistungsfähiger sein.

Abbildung 2 Zusammenhang

Abbildung 2: Zusammenhang zwischen durchschnittlichem vorherigem Kalbeintervall (Tagen) und Veränderungen im BCS, beurteilt ≤1 Woche vor der Kalbung und 27 bis 33 Tage nach der Kalbung bei multiparen laktierenden Holstein-Kühen. Modifiziert nach Middleton et al. 20196.

Abbildung 3 Prozentsatz

Abbildung 3: Prozentsatz primiparer und multiparer laktierender Holstein Kühe, die mindestens ein peripartales Gesundheitsproblem aufwiesen, klassifiziert nach Veränderungen im BCS in den ersten 27 bis 33 Tagen nach der Kalbung. Modifiziert nach Middleton et al. 20196.

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Schlüsselfaktoren für den Erfolg des high fertility cycle als Managementstrategie

Laut Middleton6 ist der beste Weg eine Herde in den high fertility cycle zu integrieren eine Fruchtbarkeitsmanagementstrategie durch die Tiere mit 130 Tagen erneut tragend sind (siehe Abbildung 1). Da die Studie allerdings nur in einer Herde durchgeführt wurde sind weitere Untersuchungen nötig, um dieses Ziel von 130 Tagen Gutzeit als grundsätzliche Empfehlung zu verifizieren. Die Ziele und Ansätze des high fertility cycle sind jedoch dennoch interessant.

Besonders Fragen wie Fütterungsstrategien in der Laktation und Transitphase aussehen, Gruppen gestaltet und der BCS in Herden in zukünftig schnell und einfach erfasst werden kann müssen geklärt werden.

Das Ziel für moderne landwirtschaftliche Betriebe könnte sein die Herde in den high fertility cycle zu integrieren und dort zu halten. Hierfür sind einige Schlüsselfaktoren entscheidend:

  1. BCS-Bestimmungen zu unterschiedlichen Zeitpunkten (drei Wochen vor Kalbung, zur Kalbung, drei Wochen nach Kalbung und zur Besamung)
  2. Gezielte Nutzung von hormonellen Fruchtbarkeitsprogrammen, um Tiere zum „richtigen“ Zeitpunkt tragend zu bekommen
  3. Cut-Off-Zeitpunkt festlegen mit der maximalen Anzahl an Besamungen pro Kuh
  4. Fütterungsstrategien für spätlaktierende Kühe bereitstellen, um eine Verfettung zu vermeiden

Fazit

Der high fertility cycle (siehe Abbildung 1) beschreibt ein mögliches Management-Prinzip, welches auf modernen landwirtschaftlichen Betrieben relativ einfach eingeführt und in der Kontrolle, gerade auch durch die Nutzung von modernen digitalen Gesundheitsüberwachungssystemen, gut handhabbar sein könnte. Ziel ist es die Abkalbung überkonditionierter Kühe zu vermeiden. Gegebenenfalls müssen auch allgemein akzeptierte Zielwerte für den BCS zur Abkalbung neu überdacht werden. Auf Dauer könnte durch den high fertility cycle die Fruchtbarkeit, Leistung und Langlebigkeit von Kühen verbessert werden.

 

Quellen:

1 Bundesverband Rind und Schwein eV. "Rinder- und Schweineproduktion in Deutschland 2022."Bundesverband Rind und Schwein eV: Bonn, Germany (2023).
2 Sawa, Anna, Kamil Siatka, and Sylwia Krężel-Czopek. "Effect of age at first calving on first lactation milk yield, lifetime milk production and longevity of cows." Annals of Animal Science1 (2019): 189-200.
3 JDS Communications.
4 Journal of dairy science.
5 Theriogenology.
6 Journal of dairy science.
7 Animal.

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