Die Landwirtschaft hat aktuell mit vielen Herausforderungen zu kämpfen. Steigende Preise in allen Bereichen, sowie immer strengere rechtliche Vorgaben, die die tägliche Arbeit erschweren. Wir haben mit Dipl.-Ing. Bernd Lührmann, einem Experten auf dem Gebiet der Ökonomie in der Landwirtschaft, gesprochen. Wie er die aktuelle Lage und die Folgen der Änderung, durch die ab 2023 geltenden Tierschutztransportverordnung, einschätzt, erfahren Sie in diesem Interview.

Dipl.-Ing. (agr.) Bernd Lührmann hat nach seiner landwirtschaftlichen Ausbildung ein Studium der Agrarwissenschaften mit dem Schwerpunkt Tierproduktion und Betriebswirtschaft absolviert. Er ist heute als Unternehmensberater bei der Landwirtschaftskammer (LWK) Niedersachsen tätig. Sein Arbeitsschwerpunkt liegt in der Finanzierung, der betriebswirtschaftlichen Optimierung und langfristigen Ausrichtung der landwirtschaftlichen Betriebe.

Mutterkuh kuschelt mit 2 Kälbern

Im letzten Jahr sind sowohl die Leistungs- als auch Mineralfutterkosten, aber auch der Dieselpreis bereits gestiegen und vor allem in 2022 erwarten wir explosionsartige Preissteigerungen. Welche wirtschaftlichen Faktoren werden zusätzlich noch maßgeblich die Produktionskosten in den nächsten Jahren nach oben treiben?

Ja, die genannten Faktoren sind schon einmal sehr relevant für die Prognose der nächsten Jahre. Ergänzen muss man diese Liste allerdings auch noch um die gestiegenen Anbaukosten im Pflanzenbau, sprich Pflanzenschutzmittel, Düngemittel und Saatgut, wie natürlich auch Unterhaltungs- und Lohnarbeitskosten, die im Zuge der ganzen Energiekostensteigerung auch mit steigen werden. Last but not least werden sich, aufgrund der Anhebung des Mindestlohnes, die Arbeitslöhne der Mitarbeiter erhöhen. Aber auch die Gesunderhaltungskosten der Tiere verteuern sich in Folge der Erhöhung der tierärztliche Gebühren-VO ab Oktober 2022. Alles das ist ein breiter Strauß von Kostensteigerungen, die auf jeden Milcherzeuger wirken werden. Aber es muss auch berücksichtigt werden, dass die Milchpreise aktuell eine sehr positive Entwicklung genommen haben und weiterhin nehmen … !


Wie stark schätzen Sie die wirtschaftlichen Folgen ein, wenn Kälber ab Januar 2023 durch die Änderung der Tierschutztransportverordnung nicht mehr mit 14 Tagen, sondern erst mit 28 Tagen innerhalb Deutschlands transportiert werden dürfen?

Sehr groß, weil sich die Haltungsdauer der schwarzbunten Verkaufskälber damit praktisch verdoppelt und diese Aufzuchtphase extrem kostenintensiv ist. So muss in diesem Abschnitt der Tränkephase, bei einem aktuellen Milchauszahlungspreis von 0,50 €/kg Milch (Stand Juni 2022), mit gut 7 €/Tag Aufzuchtkosten kalkuliert werden. Die weiteren Kostenpositionen ersehen Sie aus der untenstehenden Tabelle.Grafik Kälberaufzuchtkosten der ersten 32 Tage

Welche allgemeinen wirtschaftlichen Folgen sind für die Landwirte durch den späteren Verkauf zu erwarten?

Zunächst einmal muss man hier sagen, dass die Transportverordnung nach heutigem Stand tatsächlich zum 1. Januar 2023 in Kraft treten wird. Die letzte Initiative Niedersachsens im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft des Bundesrates, die Übergangsfrist bis zum 1.1.2025 zu verlängern, ist in der 25. Kalenderwoche 2022 gescheitert. Trotzdem wird der Bundesrat in seiner nächsten Sitzung hierüber nochmals beraten. Aber de facto bewegt die Transportverordnung die Milcherzeuger schon seit geraumer Zeit. Wir sehen jetzt schon, dass die Landwirte sich vielfach schlecht drauf einstellen können. Denn neben den wirtschaftlichen Auswirkungen, die sie täglich spüren, in Form eben der höheren Aufzuchtkosten der Kälber (Futter- ,Haltung, Energie- und Arbeitserledigungskosten), bereitet besonders der, in vielen Betrieben erforderliche, Ausbau der Kälberaufzuchtplätze Kopfzerbrechen. So sind hierfür natürlich Baugenehmigungen erforderlich und andere Verordnungen z.B. VO zur Lagerung wassergefährdender Stoffe (AwsV) einzuhalten, die aber auf vielen Betrieben so einfach bzw. so kurzfristig nicht zu erlangen bzw. einzuhalten sind. Und das ist eben schon eine sehr prekäre Situation. Denn letztlich hat jeder Betriebsleiter einen gewissen Tierbestand auf seinem Hof genehmigt und durch diese Änderung der Tierschutztransport-Verordnung wird es dazu führen, dass möglicherweise diese Anzahl von Tieren auf dem Betrieb überschritten wird. Im Ergebnis kann dieses zu Problemen mit den Genehmigungsbehörden führen.


Kälberkrankheiten haben im Jahr 2021 rund 87 Millionen Euro in Deutschland gekostet – welche Entwicklungen sind 2023 durch die Gesetzesänderungen zu erwarten?

Das ist glaube ich sehr schwierig zu beantworten. Letztlich ist es so, dass die Tierschutztransportverordnung für die Kälber geändert worden ist, weil man der Meinung ist, dass die immunologische Lücke in diesem Zeitraum nach 14 Tagen größer ist, als nach 28 Tagen. Das heißt, der Gesetzgeber geht davon aus, dass die Kälber nach 28 Tagen eine höhere Immunität aufweisen. Allerdings wird damit das Enthornen dieser Kälber zeitlich nahezu immer mit dem Transportstress, wie auch dem Stall- und Futterwechsel zusammentreffen. Welche Auswirkungen das haben wird, ist meines Erachtens derzeit nicht vorhersehbar. Zudem bleibt offen, ob es zu einem erhöhten Krankheitsaufkommen der Kälber auf den Milcherzeugerbetrieben kommt, weil eben im Moment die Aufzuchtplätze so ohne weiteres nicht ausbaubar sind. Ich bin da grundsätzlich optimistisch und weiß, dass die Landwirte alles für die Gesundheit der Kälber möglich machen werden, so dass es hier nicht zu mehr Kälbererkrankungen kommen wird. Aber es wird sehr stark davon abhängen, wie gut die Kälber im Milchviehbetrieb aufgezogen werden und damit auch, wie eine Preisfindung gerade für die schwarzbunten Kälber bzw. Mastrassekreuzungen in der Zukunft gestaltet werden soll. Bei den Fleckviehkälbern haben wir diese Thematik derzeit nicht, weil diese Kälber im Alter von 6, 7 oder mehr Wochen gehandelt werden und die Preisfindung mittels des Lebendgewichtes der Kälber erfolgt. Das bedeutet, sehr gut entwickelte Kälber bringen auch einen entsprechend höheren Preis. 


Wird durch die höhere Anzahl von Kälbern im Betrieb auch der Infektionsdruck durch Erreger der Kälberkrankheiten steigen? Wenn ja, ist mit höheren Behandlungskosten zu rechnen und welche langfristigen Folgen hat das für die spätere Leistung der Kuh?

Wenn ich mit dem letzten Punkt mal anfange, ist es natürlich so, dass nur gesunde Kälber auch zu einer optimalen Milchleistung als Kuh führen können. Was sich definitiv kein Milcherzeuger erlauben kann, ist, dass es hier zu Problemen in der Kälberaufzucht kommt. Denn nur möglichst optimal aufgezogene Kälber werden im weiteren Aufzuchtverlauf eine hervorragende Gesundheit aufwiesen, entsprechende Tageszunahmen realisieren und sich damit hervorragend entwickeln. Nur dadurch kann eine optimales Erstkalbealter mit optimalen Leistungseigenschaften erreicht werden. Ich glaube persönlich aber auch, dass die Milcherzeuger bei den männlichen Kälbern keine Kompromisse machen werden. Denn für jeden Milcherzeuger steht die Gesundheit aller Tiere im Vordergrund! Hier werden, bei fehlenden Genehmigungen für den Ausbau der Kälberaufzuchtplätze sicherlich praktikable Übergangslösungen gefunden. So sind derzeit oftmals ausreichend Kälberaufzuchtplätze vorhanden, um auch zwischen den Belegungen neben den erforderlichen Reinigungs- und Desinfektionsarbeiten noch eine Stallbrache der Stallplätze zu realisieren, um Infektionsketten zu brechen. Von dieser Vorgehensweise werden etliche Milcherzeuger kurzfristig - gerade in Abkalbespitzen - abweichen müssen. Insofern denke ich schon, dass es gerade im Winter zu einem höheren Infektionsdruck kommen kann. Aber ich bin auch der Meinung, dass die Milcherzeuger dem mit entsprechenden Maßnahmen entgegentreten werden. Zudem wird der ein oder andere einen kurzfristigen Zubau von dringend benötigten Aufstallmöglichkeiten für Kälber realisieren.


Es wird ja bereits seit Jahrzehnten über die Bedeutung der optimalen Kolostrumversorgung zur Senkung der Krankheitsinzidenzen bei den Kälbern gesprochen. Denken Sie, dass es durch die neue Tierschutztransportverordnung nochmal einen Ruck bei den Landwirten geben wird, hin zu einer besseren Kolostrumversorgung, um so eine Erhöhung der Erkrankungsrate zu verhindern?

Nicht durch die Kälbertransport-Verordnung per se. Das wäre zwar sehr wünschenswert, glaube ich persönlich aber nicht. Sondern nur durch die Eigeninitiative der Landwirte selbst, in Verbindung mit entsprechenden Hinweisen aus der Beratung und den Hoftierärzten. Es ist ja bekannt und seit Jahren auch publiziert und prognostiziert, dass eine sehr gute und sehr schnelle Kolostrumversorgung einfach essentiell wichtig ist für das Immunstatus der Kälber und damit auch für die gesunde weitere Aufzucht. Insofern spielt die Kolostrumgabe in der Zukunft für alle Kälber eine wesentlich größere Rolle.

Freuen Sie sich nächste Woche auf die Fortsetzung des Interviews.

Das Interview mit Bernd Lührmann führte Dr. Christina Hirsch, Veterinary Services Manager, Ceva Tiergesundheit.