Eine der aktuellen Herausforderungen in der Landwirtschaft, ist die ab 2023 geltende Tierschutztransportverordnung. Diese Verordnung gibt vor, dass Kälber zukünftig erst ab einem Alter von 28 Tagen transportiert werden dürfen. Wir haben darüber mit Dipl.-Ing. Bernd Lührmann, einem Experten auf dem Gebiet der Ökonomie in der Landwirtschaft, gesprochen. Wie man den, sich aus der längeren Haltedauer der Kälber auf den Milchviehbetrieben ergebenden Konsequenzen am besten gegensteuern kann, lesen Sie in diesem Interview.

Hier geht’s zum ersten Teil des Interviews.

Dipl.-Ing. (agr.) Bernd Lührmann hat nach seiner landwirtschaftlichen Ausbildung ein Studium der Agrarwissenschaften mit dem Schwerpunkt Tierproduktion und Betriebswirtschaft absolviert. Er ist heute als Unternehmensberater bei der Landwirtschaftskammer (LWK) Niedersachsen tätig. Sein Arbeitsschwerpunkt liegt in der Finanzierung, der betriebswirtschaftlichen Optimierung und langfristigen Ausrichtung der landwirtschaftlichen Betriebe.Schwarzes Kalb liegend auf Weide mit Tränkeeimer
Im ersten Teil unseres Interviews haben wir bereits über einen höheren Infektionsdruck und die Bedeutung der Kolostrumversorgung gesprochen. Präventive Maßnahmen sollten als Investition gesehen werden, um direkte Behandlungskosten aber auch vor allem Folgekosten durch Kälberkrankheiten zu vermeiden. Wie kann man Landwirte noch mehr sensibilisieren, dass intensive Kälberbeobachtung sich wirtschaftlich lohnt und jeder Landwirt diesen Problemkomplex mit Unterstützung des Tierarztes angehen sollte?

Nun ich glaube, eines der Hauptprobleme auf den milcherzeugenden Betrieben ist im Moment die Arbeitswirtschaft und Arbeitsspitzen im Speziellen. Damit meine ich nicht hauptsächlich Arbeitsspitzen infolge anstehender Ernte- oder Bestellmaßnahmen. Sondern punktuelle Arbeitsbelastungen auch infolge kranker und zu behandelnder Tiere, die sich eben auch sehr schnell zu einer Arbeitsspitze ausweiten können. Gerade hier ist es immer wieder wichtig die gesamte Produktion, das heißt auch die gesamte Kälberaufzucht in diesem Moment, im Blick zu behalten und eine Schwachstellenanalyse mit Hoftierarzt und /oder Beratern zu machen. Ich halte es für extrem wichtig, sich gerade auch hier Kontrollpunkte zu vergegenwärtigen. Das heißt, wie hoch ist das Geburtsgewicht der Kälber, wie schwer waren diese Kälber beim Absetzen und wie hoch waren die Tageszunahmen innerhalb der Tränkephase der Kälberaufzucht? Hierdurch sollen Schwachstellen in dieser Phase der Kälberaufzuchtphase aufgespürt werden, um diese gezielt zu bearbeiten und damit die Kälberaufzucht erfolgreicher gestalten zu können. Denn das schließt ja in dem Moment auch die schnelle Kolostrumgabe mit ein.

Jeder Landwirt hat ein sehr großes Interesse, dass alle Tiere, egal ob männlich oder weiblich, egal ob für die eigene Aufzucht oder für den Verkauf bestimmt, gesund bleiben. Denn nur gesunde Kälber führen zu einem planbaren Arbeitsaufwand und verursachen keine zusätzlichen Kosten für Tierbehandlungen. Das ist eine sehr gute Möglichkeit die Aufzuchtkosten der Kälber gering zu halten. Also hier ist sicherlich die Zusammenarbeit zwischen Landwirt und Tierarzt extrem wichtig, um eben über spezielle Schlüsselpunkte und eine spezielle Erfassung von Krankheitsdaten auch hier kontinuierlich an der Verbesserung der gesamten Kälberaufzucht zu arbeiten.

Gibt es Strategien bzw. wie hoch ist der Investitionsbedarf einzuschätzen, wenn ab Januar 2024 alle Kälber bis 6 Monate auf einem verformbaren Untergrund gehalten werden müssen?

Das ist eine Verordnung, die eingehalten werden muss. Folglich werden die Betriebsleiter ihre Stallungen dementsprechend umbauen müssen. Ein verformbarer Untergrund ist ja auf der einen Seite natürlich Stroheinstreu oder andere geeignete Einstreumaterialien, wie aber natürlich auch Gummiauflagen auf planbefestigten Böden beziehungsweise auch auf Spaltenboden. Und da muss man einzelbetrieblich schauen, was möglich und sinnvoll ist. Wir haben ganz häufig das Problem, dass zum Beispiel Bongossi-Böden nicht mehr nachrüstbar sind für Gummiauflagen. Denn die Bongossi Bohlen sind ausgetreten bzw. rund gelaufen, so dass eine Gummimatte darauf nicht dauerhaft befestigt werden kann.

Da wird neuer Spaltenboden eingebaut werden müssen, der aktuell mit Kosten von 50 – 70 € pro Quadratmeter zu kalkulieren ist. Sind also Gummiauflagen auf dem Untergrund nachzurüsten, schlägt das derzeit grob kalkuliert mit etwa 100 € je Quadratmeter zu Buche. Sofern also der Boden komplett erneuert werden muss (neuer Spaltenboden mit zusätzlicher Gummiauflage, ist mit Kosten von 150 – 170 € pro Quadratmeter zu rechnen. Erschwerend kommt hinzu, dass derzeit sowohl der Spaltenboden als auch entsprechende verformbare Gummiauflagen schwer erhältlich sind – also eine relativ lange Bestellfrist haben. Um also bis zum 01.01.2024 dann diese Verordnung einhalten zu können, ist jeder Betriebsleiter gut beraten, wenn er sich sehr kurzfristig um den Stallboden in den betreffenden Ställen kümmert.

Wie kann man vor allem Milchviehhalter, aber auch Kälbermäster, Fresseraufzüchter und Bullenmäster bei der Aufzucht der Tiere unter den neuen Bedingungen als Tierarzt unterstützen?

Wie eben ausgeführt, sollte unabhängig von der Produktionsrichtung des Betriebes immer wieder der intensive Austausch gesucht und die Schwachstellen in der Produktion analysiert werden. Insgesamt wäre ein intensiver Austausch zwischen Abgeber und Aufnehmer sehr empfehlenswert. Denn für die Fresseraufzüchter, Kälber- oder Bullenmäster sind Informationen des Milcherzeugers zu den eingestallten Kälbern sehr hilfreich für die weitere Aufzucht und Mast. Dementsprechend wären Absprache zu Impfstrategien (Mutterschutzimpfung etc.), Tränkeplänen, Daten zu Vorerkrankungen etc. sehr wertvoll, um eine optimale weitere Kälberhaltung realisieren zu können. Das beinhaltet aber auch eine angemessene Honorierung der auf dem Milcherzeugerbetrieb durchgeführten Maßnahmen.
Letztlich muss aber auch der Markt bei den schwarzbunten Kälbern bzw. Mastrassekreuzungskälbern einiges regeln. So ist es meines Erachtens für beide Seiten, also Milcherzeuger und Fresseraufzüchter bzw. Kälbermäster, vorteilhaft die Preisfindung für die Kälber zukünftig per Lebendgewicht (unter Berücksichtigung des Lebensalters) zu definieren, so dass sich die Haltungskosten einer intensiven Kälberaufzucht beim Milcherzeuger auch beim Verkauf wieder auszahlen! Denn nur optimal entwickelte Kälber können in der weiteren Aufzucht hervorragende Leistungen erbringen. Insofern rechnet sich die intensive Aufzucht für den Milcherzeuger und den Abnehmer gleichermaßen!
Die Umsetzung bzw. Etablierung der beiden genannten Punkte werden aber sicherlich eine der großen Herausforderungen in den nächsten ein, zwei, drei Jahren sein, weil sich das ganze Marktsegment dementsprechend verändern muss. Das beinhaltet vermutlich gerade bei den Mastbetrieben ein stärkeres Umdenken als bei den Milcherzeugern … !

Aber der höhere Preis wird sich aus Ihrer Sicht auch für die Kälbermäster und Fresseraufzüchter lohnen?

Ja, davon bin ich zutiefst überzeugt. Der höhere Einstandspreis der Kälber wird sich dann lohnen, wenn das Kalb optimal entwickelt beim Kälbermäster oder Fresseraufzüchter eingestallt werden kann. Denn sehr gut entwickelte Kälber mit optimalen Tageszunahmen beim Milcherzeuger und einem hohen Einstandsgewicht, werden in der weiteren Aufzucht und Mast eine stabile Gesundheit aufweisen und wesentlich bessere Leistungen erbringen. Insofern muss hier ein Umdenken stattfinden.

Besteht durch die Änderung der Tierschutztransportverordnung die Gefahr, dass Kälber vermehrt ins EU-Ausland verkauft werden, da dieser Transport ja weiterhin mit 14 Tagen erlaubt ist?

Nach meinem Kenntnisstand ist es so, dass Kälber ab einem Alter von 14 Tagen nur ins Ausland verkauft werden dürfen, wenn sie vom Erzeugerbetrieb direkt und ohne Unterbrechung den Abnehmer im Ausland erreichen. Es ist nicht zugelassen, dass diese 14 Tage alten Kälber in Deutschland an einer Sammelstelle zusammengefasst und dann ins Ausland verbracht werden.
Eine andere Möglichkeit Kälber bereits ab einem Lebensalter von 14 Tagen zu verbringen, ist der Transport dieser Kälber aus dem eigenen Betrieb mit eigenen Fahrzeugen zu einer eigenen Betriebsstätte oder zu einem Mäster auf direktem Wege in einem Umkreis von maximal 50 km. Insofern erwarten wir gerade bei den größeren Milcherzeugern durchaus die Situation, dass hier ein verstärkter Direkttransport zu den Abnehmern von Kälbern bereits im Lebensalter von 14 Tagen etabliert wird. Es sollte allerdings jedem klar sein, dass das alles nur Zwischenschritte sind. Denn auf EU-Ebene wird bereits die EU-weite Erhöhung des Kälbertransportalters auf mindestens 28 Tage diskutiert. Dann wird es möglicherweise die genannten Ausnahmeregelungen nicht mehr geben. Insofern können dies nur zeitlich befristete Möglichkeiten sein, um den mangelnden Kapazitäten im Kälberaufzuchtbereich im Moment Rechnung zu tragen. Aber eine langfristige Strategie ist das aus meiner Sicht definitiv nicht.

Es ist ein steigendes Interesse von Landwirten an der Pärchenhaltung von Kälbern zu verzeichnen. Welche wirtschaftlichen Vor- und Nachteile bieten sich Ihrer Meinung nach durch diese Haltungsform?

Die paarweise Aufstallung von Kälbern scheint sehr interessant zu sein. Mir liegen leider keine konkreten wirtschaftlichen Zahlen vor. Allerdings wird vielfach von, wenn auch nur geringfügig, höheren Tageszunahmen dieser Kälber berichtet. Auch von einem wesentlich besseren Sozialverhalten zwischen den Artgenossen mit schnelleren Lerneffekten bei Umstallungen, einer „höheren Neugier“ neue Futtermittel an- und aufzunehmen sowie einer höheren Stressresistenz wird berichtet. Zudem bewegen sich derzeit nahezu alle Haltungsvorgaben weg von der Einzelaufstallung von Kälbern in den ersten Lebenswochen hin zur Gruppenhaltung auch wenige Tage alter Kälber. Einzig der Infektionsschutz erscheint vor diesem Hintergrund problematischer zu sein. Aber gerade im letzten Punkt kann jeder Betriebsleiter dem entgegenwirken. So ist durch eine frühzeitige Kolostrumgabe (da ist sie wieder!) der Immunstatus des Kalbes sehr positiv zu beeinflussen. Besondere Bedeutung kommt nachfolgend auch den einzelbetrieblichen Hygienemaßnahmen, Impfstrategien und dem betrieblichen Management zu.

Das Interview mit Bernd Lührmann führte Dr. Christina Hirsch, Veterinary Services Manager Ceva Tiergesundheit.

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