Text von Dr. Ingrid Lorenz - Tiergesundheitsdienst Bayern e.V.

Der Bedeutung der ersten Lebenswochen des Kalbes für die Leistungsfähigkeit und Gesundheit der Kuh ist in den vergangenen Jahrzehnten vermehrt Aufmerksamkeit geschenkt worden. Aber auch für die Gesundheit des Kalbes ist die Ernährung in der Neugeborenenphase ausgesprochen wichtig. Hier gerät die herkömmlich empfohlene restriktive Milchfütterung zunehmend in die Kritik. In den letzten zwei Jahrzehnten haben wissenschaftliche Erkenntnisse gezeigt, dass es sowohl für die Gesundheit des Kalbes als auch für die Lebensleistung der Kuh optimal ist, wenn die Kälber in den ersten Lebenswochen so viel Milch trinken können, wie sie gerne möchten (physiologisch normale Fütterung).


In diesem Artikel erfahren Sie mehr über:
  • Die Nachteile der traditionellen Fütterung
  • Die Bedeutung physiologisch normaler Fütterung
  • Wie bekommt man die Milch ins Kalb?

Wo liegen die Schwächen der traditionellen Fütterung?

Traditionell werden Nachzuchtkälber in vielen Milchviehbetrieben mit einer Milchmenge getränkt, die etwa 10 % ihres Körpergewichtes entspricht, also etwa 4 Liter pro Tag für ein 40 kg schweres schwarzbuntes Kalb, bei Fleckviehkälbern evtl. etwas mehr. Dieses Verfahren wird seit nahezu hundert Jahren propagiert. Ziel ist es, die Kälber zu zwingen, frühzeitig Festfutter aufzunehmen, damit sie rasch entwöhnt werden können. Auf diese Weise versuchte man an der relativ teuren Milch- oder Milchaustauschertränke zu sparen.
Allerdings ist diese geringe Menge an Milch gerade ausreichend den Erhaltungsbedarf des Kalbes zu decken und erlaubt unter günstigen Bedingungen allenfalls Zunahmen von 300 g am Tag. Wenn die Umgebungstemperaturen auf unter 15° C sinken, oder die Kälber anderweitig gestresst sind, verlieren sie sogar an Gewicht. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt brauchen Kälber schon den Energiegehalt von etwa zwei Litern Milch, nur um ihre Körpertemperatur aufrecht zu erhalten und nicht zu frieren. Im Gegensatz zur Milch kann Festfutter wie z. B. Kälberstarter in den ersten Lebenswochen praktisch nicht verdaut und zur Deckung der Energie- und Nährstoffzufuhr genutzt werden.
Kraft- und Raufutter sollten dennoch ab der ersten Lebenswoche zur Förderung der Pansenentwicklung angeboten werden. Es ist nicht schwer einzusehen, dass ein Fütterungsregime, das eine starke Unterfütterung der Kälber in den ersten Lebenswochen nach sich zieht, die Krankheitsanfälligkeit erhöht. Zum anderen gibt es mittlerweile wissenschaftliche Beweise, dass Milchkühe ihr volles Leistungspotential nur ausschöpfen können, wenn sie in den ersten Lebenswochen mit biologisch normalen Milchmengen getränkt werden.

Was bedeutet physiologisch normale Fütterung?

Kalb an Ad Libitum TränkeEs ist seit langem bekannt, dass Kälber wesentlich höhere Zunahmen erreichen können, wenn sie mehr Milch erhalten. Mutterkuhkälber und Kälber, die anderweitig ad libitum gefüttert werden, nehmen täglich etwa 20 % ihres Körpergewichtes auf und erreichen tägliche Zunahmen von bis zu 1000 Gramm. Seit ca. 20 Jahren belegen Studien den positiven Einfluss einer physiologischen Ernährung der Kälber in den ersten Lebenswochen auf deren Gesundheit, aber auch auf Stoffwechselgesundheit und Leistungsvermögen der späteren Milchkuh. Das heißt die Kuh zahlt dem Landwirt die Ausgaben für die zusätzlich vertränkte Milch durch eine höhere Milchleistung später wieder zurück. Für das Kalb bedeutet es, dass es wesentlich höhere Chancen hat, die ersten Lebenswochen gesund zu überstehen. Insbesondere Kälberdurchfall und Rindergrippe treten bei unterernährten Kälbern wesentlich häufiger auf als bei gut ernährten.

Ein Praxisbericht zur Durchfallbekämpfung lesen Sie hier.

Wie bekommt man die Milch ins Kalb?

Es gibt eine Reihe von Möglichkeiten, wie man gewährleisten kann, dass Kälber soviel trinken können wie sie wollen. So ist zum Beispiel die kuhgebundene Aufzucht in letzter Zeit ein häufiges Diskussionsthema. Das momentan vermutlich am weitesten verbreitete System der physiologisch normalen Fütterung ist allerdings die Ad-libitum Tränke mit angesäuerter Vollmilch. Aber auch die Ad-libitum Joghurttränke wird in vielen Betrieben erfolgreich durchgeführt. Hierbei steht den Kälbern ab der zweiten Mahlzeit jederzeit Milch in einem Nuckeleimer zur Verfügung. Es ist wichtig, dass der Eimer nie leer wird, da sonst die Gefahr besteht, dass das Kalb beim nächsten Befüllen eine sehr große Menge aufnimmt. Dies kann dem Labmagen schaden.

Die Milch wird durch Zugabe organischer Säuren oder durch die Joghurtbereitung leicht angesäuert um der Vermehrung von schädlichen Bakterien entgegenzuwirken. Für das Ansäuern der Milch stehen mittlerweile zahlreiche kommerzielle Produkte in flüssiger oder Pulverform zur Verfügung. Die genaue Dosierung, besonders bei kleineren Mengen an Milch, gelingt am besten mit flüssigen Produkten, die man vor der Anwendung nochmal vorverdünnt. Das Ziel ist ein pH-Wert von 5,5. Dies sollte auch regelmäßig überprüft werden, denn bei tieferen Werten leidet die Akzeptanz der Milch bei den Kälbern. Die Milch kann stallwarm vertränkt werden, je wärmer die Milch ist umso mehr wird sie durch die Säure ausflocken. Hier hilft es, die Säure erst mal in einer kleinen Menge kalter Milch aufzulösen.

Prinzipiell ist es auch möglich, Kälber mit Milchaustauscher guter Qualität ad-libitum zu tränken. Gute Qualität bedeutet hier einen möglichst hohen Magermilchanteil (mind. 45 %). Bei Milchaustauscher bekommt man, was man bezahlt. Man kann also nicht erwarten gute Ergebnisse mit einem billigen Milchaustauscher zu erzielen. Die beste Verdaulichkeit für das Kalb hat in jedem Fall die natürliche Milch. Da in den ersten Tagen nach der Kalbung größere Milchmengen anfallen, die nicht geliefert werden können, ist es immer sinnvoll, so lange wie möglich diese Transitmilch zu vertränken, bevor auf Milchaustauscher umgestellt wird.
Die Eimer werden zweimal am Tag befüllt und sollten mindestens einmal mit heißem Wasser ausgespült und der Nippel durchgemolken werden. Sinnvoll ist es Eimer mit Deckel zu verwenden. Die aufgenommenen Mengen unterscheiden sich zwischen den Kälbern stark, im Durchschnitt trinken sie 8 bis 12 Liter, je nach Alter. Nach frühestens fünf Wochen wird begonnen die Milchmenge zu beschränken (auf 10 Liter am Tag). Danach wird die Menge in Abständen von zwei bis drei Wochen weiter reduziert bis zur Entwöhnung.

Hier ein mögliches Tränkeschema:
Lebenswoche 1 - 5: ad-libitum
Lebenswoche 6 - 7: 2x4 Liter
Lebenswoche 7 - 8: 2x3 Liter
Lebenswoche 9 - 10: 2x2 Liter
Lebenswoche 11 - 12: 1x2 Liter

Dadurch wird sichergestellt, dass die Kälber genügend Festfutter aufnehmen, so dass es zu keinem Einbruch der Zunahmen kommt. Voraussetzung hierfür ist, dass ab der zweiten Lebenswoche Kälberstarter, Raufutter (oder Kälber-TMR) und Wasser zur freien Aufnahme zur Verfügung stehen.
Am bequemsten ist die ad-libitum Tränke natürlich am Automaten, da man den Automaten nur entsprechend programmieren muss. Allerdings ist hier der Nachteil, dass die Kälber bereits in einem geringen Alter in großen Gruppen gehalten werden müssen. Je nach Betriebsgröße wird es auch noch größere Altersunterschiede in den Gruppen geben und schlimmstenfalls werden immer wieder junge Kälber neu in die Gruppe eingegliedert. Unter solchen stressvollen Umständen ist es auch bei optimaler Fütterung sehr schwierig die Kälber gesund zu erhalten.

Braunes Kalb liegend im Iglu

Kälberfütterung fordert Investition - die sich aber am Ende auszahlt

Wir halten also fest: Damit sich die Kälberfütterung am Ende auszahlt, braucht es Investition – in Zeit und Geld.
Während durch traditionelle Fütterung potenziell leistungsschwächere Kühe heranwachsen, verbunden mit häufig höheren Tierarztkosten durch geschwächte Immunsysteme bei den Kälbern bietet die physiologisch normale Fütterung Chancen auf starke, gesunde Kälber und somit spätere leistungsstärkere Kühe.
Eine altersgerechte Entwöhnung von der Milch, das frühe Angebot an Kraft- und Raufutter sowie die Futterqualität von Milchaustauschern etc. machen den entscheidenden Unterschied. Ihre Kälber werden es Ihnen danken!

Mehr zu Milchaustauschern und Tränke bei Mastkälbern erfahren Sie in unserem Podcast mit Robert Windauer, Landwirt und Gründer der Landwirt Masterclass.