Nahaufnahme eines Kuh-Euters mit Melkmaschine, Kuhfarm.

Frischmelker im Fokus – Stoffwechsel verstehen, Krankheiten vermeiden, Leistung sichern

Dr. Christina Hirsch

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12.02.2026

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4 Min. Lesezeit

Die Wochen rund um die Kalbung gehören zu den anspruchsvollsten Phasen im Leben deiner Milchkühe. In kürzester Zeit müssen sie ihren Stoffwechsel von einer überwiegend anabolen Situation während der Trockenstehzeit auf einen hochgradig katabolen Zustand in der Frühlaktation umstellen. Genau in dieser Übergangsphase entscheidet sich, ob eine Kuh gesund in die Laktation startet – oder ob Stoffwechselstörungen, Leistungseinbußen und Folgeerkrankungen den weiteren Verlauf prägen.

Ein gezieltes Frischmelker-Management ist damit einer der wichtigsten Hebel für Tiergesundheit und Wirtschaftlichkeit im Milchviehbetrieb. In diesem Artikel erfährst du, worauf es dabei besonders ankommt, wie kritische Stoffwechselprozesse ablaufen und wie du Störungen frühzeitig erkennst und gezielt vermeiden kannst.

Trockenstehzeit –mehr als nur eine Pause

Die Trockenstehzeit ist weit mehr als eine reine Ruhephase. Nach der letzten Melkung beginnt im Euter die Rückbildung: alte Zellen werden abgebaut, neue gebildet und die Grundlage für eine erfolgreiche Kolostrumbildung geschaffen. Gleichzeitig laufen tiefgreifende hormonelle und stoffwechselbedingte Anpassungen im gesamten Organismus ab.

Gerade in dieser Phase entscheidet die Fütterung über den späteren Erfolg. Überkonditionierte Kühe zeigen nach der Kalbung häufig eine reduzierte Futteraufnahme, mobilisieren vermehrt Körperfett und haben ein deutlich erhöhtes Risiko für Stoffwechselerkrankungen wie Ketose, Milchfieber oder Labmagenverlagerungen. Ziel muss daher eine stabile Körperkondition zur Kalbung sowie eine möglichst hohe Trockenmasseaufnahme bereits vor dem Abkalben sein. 

Transitphase – wennder Stoffwechsel an seine Grenzen kommt

Die sogenannte Transitphase – etwa drei Wochen vor bis drei Wochen nach der Kalbung – stellt einen hormonellen und metabolischen Ausnahmezustand dar. Während die Trockenstehzeit eher anabol geprägt ist, dominiert nach der Kalbung ein kataboler Stoffwechsel. 

Exkurs: 
In der anabolen Phase überwiegen aufbauende Prozesse. Die Kuh nimmt mehr Energie auf, als sie verbraucht.
In der katabolen Phase überwiegen abbauende Prozesse. Die Kuh verbraucht mehr Energie, als sie über das Futter aufnehmen kann.

Der Insulinspiegel sinkt, wodurch die Mobilisierung von Körperreserven ermöglicht wird. Gleichzeitig steigen die Konzentrationen freier Fettsäuren im Blut an.

Diese Anpassung ist grundsätzlich normal. Wird der Organismus jedoch überfordert – etwa durch hohe Körperkondition, Stress oder eine unzureichende Futteraufnahme – geraten Leber und Stoffwechsel an ihre Grenzen. Häufige Folgen sind Ketose, Fettleber und eine erhöhte Anfälligkeit für weitere Erkrankungen. 

Was rund um die Kalbung wirklich zählt

Ein erfolgreiches Frischmelker-Management beginnt nicht erst nach der Kalbung, sondern bereits Wochen zuvor. Eine angepasste Trockensteherfütterung, gute Klauenpflege, hoher Kuhkomfort und eine möglichst stressarme Umgebung bilden die Grundlage für einen stabilen Start in die Laktation.

Nach der Kalbung rückt die Trockenmasseaufnahme in den Mittelpunkt. Schmackhafte und homogene Rationen, ausreichend Fressplätze und ein ruhiges Stallumfeld sind entscheidend, um den Energiebedarf der Frischmelker bestmöglich zu decken. Ebenso wichtig ist der aufmerksame Blick auf die Tiere: Kühe, die schlechter fressen, deutlich an Gewicht verlieren oder ihr Verhalten verändern, sollten frühzeitig auffallen. Gerade in dieser Phase ist Vorbeugung deutlich wirtschaftlicher als spätere Behandlungen. 

Typische Probleme bei Frischmelkern

In der Frischmelkphase treten Stoffwechsel- und Folgeerkrankungen besonders häufig auf. Dazu zählen unter anderem:
•    Hypokalzämie (Milchfieber)
•    Hypophosphatämie
•    Ketose
•    Pansenazidose
•    Klauenrehe
•    Labmagenverlagerung

Hinzu kommen infektiöse Erkrankungen wie Metritis, Mastitis, Dermatitis digitalis oder Pneumonien, die häufig auf eine geschwächte Immunabwehr zurückzuführen sind.

Charakteristisch ist, dass diese Probleme selten isoliert auftreten. In den meisten Fällen liegt die Ursache in einer gestörten Stoffwechselanpassung rund um die Kalbung. Klinisch auffällige Kühe sind dabei oft nur die Spitze des Eisbergs, während subklinische Störungen unbemerkt hohe wirtschaftliche Verluste verursachen.

Milchfieber – oft unterschätzt

Das Milchfieber spielt bei Frischmelkern eine zentrale Rolle. Besonders problematisch sind subklinische Verläufe, da sie Muskelkraft, Futteraufnahme und Immunsystem beeinträchtigen, ohne dass ein deutliches Krankheitsbild sichtbar wird. Dadurch steigt das Risiko für weitere Erkrankungen erheblich.

Eine angepasste Trockensteherfütterung, DCAB-Konzepte (Dietary Cation-Anion Balance = Fütterungsstrategie für Milchkühe), der gezielte Einsatz saurer Salze sowie durchdachte Calciumstrategien sind zentrale Bausteine der Vorbeugung. 

Ketose – zentrales Bindeglied vieler Erkrankungen

Unter den Stoffwechselstörungen nimmt die Ketose eine Schlüsselrolle ein. Die klinische Symptomatik ist häufig unspezifisch. Eine reduzierte Futteraufnahme, sinkende Milchleistung, verminderte Pansenmotorik oder Verhaltensänderungen können Hinweise sein, müssen jedoch nicht zwingend auftreten. Viele Kühe zeigen zunächst kaum äußerlich erkennbare Auffälligkeiten.

Der Goldstandard zur Diagnose ist die Messung des β-Hydroxybutyrat-Wertes im Blut. Ergänzend können Milch- oder Harnuntersuchungen eingesetzt werden. Die Therapie richtet sich nach dem Schweregrad der Erkrankung und reicht von Glukosegaben über leberunterstützende Maßnahmen bis hin zur oralen Gabe glukoplastischer Substanzen, die du selbst geben kannst (nach Abklärung mit dem Tierarzt versteht sich, Vorsicht ist besser als Nachsicht). Entscheidend bleibt jedoch immer die konsequente Ursachenklärung. 

Mehr zum Thema „Ketose“ gibt‘s hier: Ketose beim Rind – die unterschätzte Stoffwechselstörung der Frühlaktation – alles was du wissen musst

Monitoring schafft Sicherheit

Ein funktionierendes Frischmelker-Management braucht klare Strukturen. Regelmäßige Tierkontrollen durch dich vor Ort, ergänzt durch Milchleistungsdaten, einfache Schnelltests und eine saubere Dokumentation, bilden die Basis. Bei Bedarf liefern Blut-, Milch- oder Harnuntersuchungen zusätzliche Informationen.

Erfolgreich ist ein systematisches Vorgehen: Ist-Zustand erfassen, Ziele definieren, Maßnahmen festlegen, Zuständigkeiten klären, umsetzen und regelmäßig auswerten. 

Landwirt und Tierarzt – gemeinsam zum Erfolg

Viele Basismaßnahmen lassen sich direkt bei dir im Betrieb umsetzen. Bei unklaren Befunden, gehäuften Problemen oder schwereren Erkrankungen ist der Tierarzt dein wichtigster Partner. Eine enge Zusammenarbeit, klare Absprachen und ein regelmäßiger Austausch sind entscheidend, um langfristig gesunde Kühe und stabile Leistungen zu sichern. 

Fazit

Ein konsequentes Frischmelker-Management ist kein zusätzlicher Aufwand, sondern eine Investition in die Zukunft des Betriebs. Wer die Stoffwechselprozesse rund um die Kalbung versteht, Risiken früh erkennt und gezielt gegensteuert, senkt Krankheitskosten, verbessert die Leistung und stabilisiert langfristig Tiergesundheit und Fruchtbarkeit.

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