Eine Gruppe Kühe sind im Stall

Ketose beim Rind – die unterschätzte Stoffwechselstörung der Frühlaktation – alles was du wissen musst

Dr. Christina Hirsch

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30.01.2026

·

5 Min. Lesezeit

Sie frisst etwas weniger, wirkt müde, die Milchleistung sinkt schleichend. Auf den ersten Blick nichts Dramatisches – und doch steckt oft mehr dahinter. Ketose zählt zu den häufigsten und zugleich am meisten unterschätzten Stoffwechselerkrankungen bei Milchkühen in der Frühlaktation.

Besonders tückisch ist, dass viele betroffene Tiere zunächst keine eindeutigen Symptome zeigen. Vor allem die subklinische Ketose bleibt im Betriebsalltag häufig unentdeckt, obwohl sie erhebliche Auswirkungen auf Tiergesundheit, Fruchtbarkeit und Leistungsfähigkeit hat.


Ketose: Wenn der Energiestoffwechsel kippt

Ketose ist eine Störung des Energiestoffwechsels, die meist in den ersten Wochen nach der Kalbung auftritt. In dieser Phase steigt der Energiebedarf der Kuh durch die einsetzende Milchproduktion stark an, während die Futteraufnahme nur verzögert zunimmt. Die Folge ist eine negative Energiebilanz, bei der die Kuh mehr Energie verbraucht, als sie über das Futter aufnehmen kann.

Da die körpereigenen Glukose- und Glykogenvorräte begrenzt sind, beginnt der Organismus, Körperfett zu mobilisieren. In der Leber werden dabei freie Fettsäuren entweder vollständig abgebaut oder in Ketonkörper umgewandelt. Diese dienen grundsätzlich als Energieträger. Werden sie jedoch in zu hoher Menge gebildet, kommt es zur Ketose.

Typisch sind erhöhte Konzentrationen von Ketonkörpern im Blut – insbesondere ß-Hydroxybutyrat (BHBA) –, eine Unterversorgung mit Glukose sowie negative Auswirkungen auf Fresslust, Leistung und Fruchtbarkeit.

 

Warum Ketose entsteht: Fütterung, Management und Begleiterkrankungen

Die Entstehung der Ketose ist eng mit der Fütterung und dem Management rund um die Kalbung verknüpft. Besonders gefährdet sind ältere Kühe ab der dritten Laktation sowie Tiere, die während der Trockenstehzeit überkonditioniert wurden. Eine zu energiereiche und gleichzeitig strukturarme Fütterung in dieser Phase fördert eine übermäßige Fettmobilisation nach der Kalbung.

Grundsätzlich unterscheidet man zwei Formen der Ketose:

  • Primäre Ketose: Eine echte Stoffwechselerkrankung, ausgelöst durch ein Ungleichgewicht zwischen Energiebedarf und Energieaufnahme.
  • Sekundäre Ketose: Entsteht als Folge anderer Erkrankungen, die die Futteraufnahme vermindern, etwa Mastitis, Metritis, Klauenerkrankungen, Gebärparese oder Labmagenverlagerungen.

In der Praxis treten beide Formen häufig kombiniert auf.

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Metritis – die Gefahr nach der Abkalbung

Subklinisch oder klinisch – ein fließender Übergang

Während die klinische Ketose mit klar erkennbaren Symptomen einhergeht, bleibt die subklinische Form oft unentdeckt. Sie ist deutlich häufiger und betrifft schätzungsweise rund 30 % der Milchkühe in der Frühlaktation.

Subklinische Ketose – häufig und unterschätzt:

  • reduzierte Futteraufnahme
  • leichte Mattigkeit und Gewichtsverlust
  • schleichender Rückgang der Milchleistung
  • beeinträchtigte Fruchtbarkeit

Die ß-Hydroxybutyrat-Werte im Blut liegen in diesem Stadium meist zwischen 1,0 und 1,4 mmol/l.

Klinische Ketose – deutlich ausgeprägt:

  • stark verminderte Futteraufnahme und Wiederkauaktivität
  • rasche Abmagerung
  • deutlicher Milchleistungsabfall
  • Kotveränderungen, Acetongeruch der Atemluft
  • rahmartiges Erscheinungsbild der Milch

Ab ß-Hydroxybutyrat-Werten über 1,4 mmol/l ist eine gezielte Behandlung erforderlich.

Ein Sonderfall ist die nervöse Ketose. Betroffene Tiere zeigen Auffälligkeiten des zentralen Nervensystems wie Leerkauen, starkes Speicheln, Belecken der Umgebung, Blindheit, erhöhte Erregbarkeit oder sogar tobsuchtsähnliche Zustände. Diese Form ist selten, tritt meist bei stark ausgeprägter Ketose oder bei begleitenden Leberfunktionsstörungen auf und stellt für den Betrieb eine besondere Belastung dar.

Schwarze Kühe fressen auf dem Bauernhof.

Die Leber im Fokus: Schlüsselorgan der Frühlaktation

Ketose ist eng mit dem Fettlebersyndrom verknüpft. Nahezu alle Hochleistungskühe entwickeln nach der Kalbung eine gewisse Leberverfettung. Bei überkonditionierten Tieren ist diese jedoch deutlich stärker ausgeprägt.

Durch die massive Fettanflutung wird die Leber in ihrer zentralen Funktion eingeschränkt: Eiweißsynthese, Entgiftung und Immunabwehr leiden. Die Folgen sind eine erhöhte Krankheitsanfälligkeit, Fruchtbarkeitsprobleme und im Extremfall plötzliche Todesfälle in der Hochlaktation. Eine gesunde, leistungsfähige Leber ist daher entscheidend für einen erfolgreichen Start in die Laktation. 

Früh erkennen statt spät behandeln

Für die Gesunderhaltung der Herde ist eine frühzeitige Erkennung der Ketose entscheidend. Eine einfache und zuverlässige Methode stellt die Messung der Ketonkörper im Blut dar. Mit tragbaren Messgeräten lässt sich der ß-Hydroxybutyrat-Wert aus einem Tropfen Blut innerhalb weniger Sekunden direkt im Stall bestimmen. Diese Methode eignet sich auch für das Herdenmonitoring und kann vom Landwirt selbst durchgeführt werden. Ein fester Messtag pro Woche – insbesondere bei Frischmelkern und Kühen kurz vor der Kalbung – hat sich in der Praxis bewährt.

Hinweise auf ein erhöhtes Ketoserisiko sind unter anderem:

  • BHBA-Werte ≥ 1,0 mmol/l im Blut
  • Fett-Eiweiß-Quotient über 1,5 zu Laktationsbeginn
  • Milchfettgehalt über 5 %
  • Milcheiweißgehalt unter 3,2 %
  • deutlicher Verlust an Körperkondition nach der Kalbung

Auch die Körperkonditionsbeurteilung (BCS) und die Messung der Rückenfettdicke helfen dabei, Risikotiere frühzeitig zu identifizieren.

Ketose vorbeugen: Gesunde Kühe beginnen vor der Kalbung

Die Behandlung der Ketose richtet sich nach Schweregrad und Form der Erkrankung. Bei subklinischen Fällen steht die orale Gabe glukoplastischer Substanzen wie Propylenglykol im Vordergrund. Ebenso wichtig sind eine ausreichende Strukturversorgung, genügend Bewegung und die Abklärung möglicher Grunderkrankungen.

Bei der klinischen Ketose kommen zusätzlich Infusionen mit Glukose- oder Invertzuckerlösungen sowie weitere unterstützende Maßnahmen zum Einsatz.

Langfristig bleibt jedoch die Vorbeugung der entscheidende Faktor. Eine angepasste Fütterung in der Spätlaktation, eine kontrollierte Körperkondition zur Kalbung, eine hohe Trockenmasseaufnahme und guter Kuhkomfort sind zentrale Stellschrauben. Ziel ist es, die Leber in der Frühlaktation zu entlasten und die Energielücke möglichst klein zu halten.

Fazit: Ketose früh erkennen – Tiergesundheit sichern

Ketose ist keine Randerscheinung, sondern eine der größten Herausforderungen im modernen Milchviehbetrieb. Sie beginnt oft unauffällig, entfaltet ihre Wirkung jedoch tief im Stoffwechsel. Frühzeitiges Erkennen, konsequentes Monitoring und ein angepasstes Management rund um die Kalbung tragen entscheidend dazu bei, Leistungseinbußen, Folgeerkrankungen und hohe Kosten zu vermeiden.

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