Wenn Standardlösungen nicht mehrausreichen
Sicherlich kennen diese Situation nur zu gut: Mortellaroist da – und bleibt. Trotz regelmäßiger Klauenpflege, Klauenbädern, verbesserter Hygiene und intensiver Einzelbehandlungen tauchen immer wieder neue Fälle auf. Akute Läsionen heilen ab, chronische Tiere bleiben, und nachkurzer Zeit beginnt der Kreislauf von vorne.
Genau an diesem Punkt stoßen klassische Maßnahmen häufig an ihre Grenzen. Nicht, weil sie falsch sind – sondern weil der Infektionsdruck im Bestand dauerhaft hoch bleibt. Leider sind keine kommerziellen Impfstoffe gegen Mortellaro auf dem Markt verfügbar. In solchen Situationen können bestandsspezifische (autogene) Impfstoffe eine zusätzliche Stellschraube sein, um wieder mehr Kontrolle in das System zu bringen.
Was versteht man unter einem bestandsspezifischen Impfstoff?
Ein bestandsspezifischer Impfstoff ist ein inaktivierter Impfstoff, der ausschließlich aus Erregern hergestellt wird, die direkt aus deinem eigenen Betrieb stammen. Er wird immer dann eingesetzt, wenn kein zugelassener Handelsimpfstoff verfügbar ist oder wenn die im Bestandvorkommenden Erreger durch vorhandene Impfstoffe nicht ausreichend abgedeckt werden.
Rechtlich ist genau definiert, was darunter zu verstehen ist:
Ein solcher Impfstoff wird aus isolierten Erregern eines Bestandes hergestellt, wobei der Bestand epidemiologisch verstanden wird – also auch mehrere Standorte umfassen kann.
Wenn Sie mehr über bestandsspezifische Impfstoffe und deren Einsatzgebiete erfahren möchten, klicke hier.
Warum eignen sich Bestandsimpfstoffe für Mortellaro?
Mortellaro ist keine klassische Einzelerkrankung mit einem klaren Hauptkeim. Im Gegenteil: Es handelt sich um eine polymikrobielle Erkrankung, bei der mehrere Bakterien gemeinsam an der Entstehung und Aufrechterhaltung der Läsionen beteiligt sind.
Typischerweise finden sich dabei:
- Treponema-Arten als zentrale Schlüsselerreger (die sind leider nicht im Labor anzüchtbar),
- sowie weitere anaerobe Bakterien wie Dichelobacter, Fusobacterium, Prevotella, Porphyromonas, Bacteroides oder Campylobacter.
Diese Erreger wirken nicht isoliert, sondern im Verbund. Genau hierliegt der Ansatzpunkt eines bestandsspezifischen Impfstoffs: Er kann die im Betrieb tatsächlich vorkommende Erregerkombination berücksichtigen – etwas, das ein Standardimpfstoff nicht leisten kann.
Was kann ein Bestandsimpfstoff leisten – und was nicht?
An dieser Stelle ist eine klare Einordnung wichtig, um falsche Erwartungen zu vermeiden. Ein bestandsspezifischer Impfstoff heilt keine bestehenden Mortellaro-Läsionen. Weder akute noch chronische Veränderungen verschwinden durch eine Impfung. Ein Impfstoff ist keine Therapie, sondern immer eine prophylaktische Maßnahme.
Sein Nutzen liegt woanders:
Ein Bestandsimpfstoff kann helfen,
- den Erregerdruck im Bestand zu senken,
- die Zahl neuer Erkrankungen zu reduzieren,
- noch nicht infizierte Tiere vor der Erkrankung schützen,
- den klinischen Verlauf abzumildern,
- und langfristig den Behandlungs- und Antibiotikabedarf zu verringern.
Gerade in Betrieben mit dauerhaftem Mortellaro-Geschehenkann das den entscheidenden Unterschied machen.
Diagnostik: Die Basis für alles
Ob ein bestandsspezifischer Impfstoff sinnvoll wirkt, hängt maßgeblich von der Qualität der Diagnostik ab. Nur wenn die relevanten Erreger korrekt identifiziert werden, kann später ein passender Impfstoff hergestellt werden.
Dazu gehört:
- die Beprobung mehrerer Tiere,
- die Auswahl von Tieren mit typischem, akutem Krankheitsbild,
- und die Entnahme von Gewebe direkt aus der Läsion.
Eine sorgfältige Probenentnahme ist hier deutlichwichtiger als eine möglichst große Zahl an Keimen im Impfstoff. Entscheidend ist nicht „viel“, sondern exakt. Die Proben brauchst du aber nicht selbst entnehmen. Dein Tierarzt ist hier der Ansprechpartner deiner Wahl. Erkennt sich aus und kann dich beraten bzw. weiß er, wo er Unterstützung bei der Probenentnahme bekommt.
Von der Probe zum Impfstoff
Nach Einsendung deiner Proben werden die Erreger im Laborisoliert, kultiviert (soweit möglich), inaktiviert und zu einem Impfstoffzusammengestellt. Dieser Prozess ist aufwendig und unterliegt strengen Vorgaben– deshalb dauert es in der Regel vier bis sechs Wochen, bis der Impfstoff einsatzbereit ist.
Das ist kein Sofortinstrument für akute Probleme, sondern ein strategisches Werkzeug für die mittelfristige Bestandsstabilisierung.

Anwendung in der Praxis: Was ist realistisch?
In der Praxis hat sich bei Mortellaro folgendes Vorgehen bewährt:
Eine Grundimmunisierung mit zwei Impfungen im Abstand von etwa drei Wochen, gefolgt von regelmäßigen Wiederholungsimpfungen alle sechs Monate.
Besonders wichtig ist dabei der richtige Zeitpunkt – und damit kommen wir zu einem entscheidenden Punkt.
Ganz entscheidend: Impfen schützt – aber heilt nicht
Bei bestandsspezifischen Impfstoffen gegen Mortellaro gilt ganz klar:
Bereits infizierte oder erkrankte Tiere profitieren nicht therapeutisch von der Impfung.
Der größte Effekt wird erzielt, wenn noch nicht infizierte Tiere geimpft werden – also Jungtiere, Färsen und Kalbinnen, bevor sie in die Milchviehherde eingegliedert werden.
Diese Tiere können durch die Impfung vor der Infektion geschützt werden. Werden nur geimpfte Jungtiere in die Milchviehherdeintegriert, kann dies langfristig zu einer spürbaren Entlastung der gesamten Herde führen. Voraussetzung ist allerdings, dass die Impfung nicht isoliert, sondern immer in Kombination mit guter Klauenpflege, Hygiene und Management erfolgt.
Kurz gesagt:
Der Schlüssel zum Erfolg liegt bei den noch gesunden Tieren – nicht bei den bereits erkrankten.
Ist das für meinen Betrieb sinnvoll?
Ein bestandsspezifischer Impfstoff gegen Mortellaro kann besonders dann sinnvoll sein, wenn:
- Mortellaro trotz konsequenter Maßnahmen immer wieder auftritt,
- viele chronisch betroffene Tiere im Bestand vorhanden sind,
- langfristig eine Stabilisierung der Klauengesundheit angestrebt wird
- und der Antibiotikaeinsatz reduziert werden soll.
Er ist kein keine schnelle Lösung –aber ein strategisches Werkzeug für Betriebe, die bereit sind, systematisch zu arbeiten.
Fazit: Kein Wundermittel – aber eine echte Chance
Mortellaro ist hartnäckig. Gerade deshalb braucht es manchmal individuelle Lösungen. Bestandsspezifische Impfstoffe können helfen, den Infektionsdruck zu senken und den Kreislauf aus Behandeln und Wiedererkranken zu durchbrechen – wenn sie richtig eingesetzt werden.
In Kombination mit:
- konsequenter Klauenpflege und Management,
- guter Stall- und Laufganghygiene,
- und regelmäßigem Monitoring
können sie ein wichtiger Baustein auf dem Weg zu weniger Lahmheit, weniger Behandlungen, weniger Antibiotikaeinsatz und gesünderen Kühen sein.
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