Es ist ein Morgen wie jeder andere. Du gehst durch den Stall, und eine deiner besten Kühe steht mit hängendem Kopf da. Sie frisst nicht richtig, hat leicht Fieber, die Milchleistung ist über Nacht eingebrochen. Zwei Tage später ist alles wieder normal – als wäre nichts gewesen. Du hakst es ab. Aber wenn diese Kuh gerade im „falschen“ Trächtigkeitsstadium war, hat sich in genau diesen zwei unscheinbaren Tagen vielleicht schon entschieden, wie ihr Kalb im nächsten Frühjahr zur Welt kommt.
Willkommen in der tückischen Welt des Schmallenberg-Virus (SBV).
Ein Erreger, benannt nach einem Ort im Sauerland
Das Schmallenberg-Virus – kurz SBV – trägt den Namen der Stadt, in der es 2011 zum ersten Mal bei Milchkühen mit Fieber und Durchfall nachgewiesen wurde. Ein deutscher Erreger sozusagen, der von hier aus innerhalb weniger Monate halb Europa erobert hat. Der Schmallenberg-Virus ist ein Orthobunyavirus und besitzt drei RNA-Segmente. Durch dieses segmentierte Genom kann sich das Virus über Neuverteilung oder der Austausch von ganzen Genomsegmenten schnell an neue Wirte und Umweltbedingungen anpassen.
Kennst du auch die andere, aktuell grassierende Orthobunya-Virus-Erkrankung Shamonda-Virus (SHAV)? Neues Orthobunyavirus bei Rindern: Was du als Milchviehhalter über das Shamonda-Virus (SHAV) wissen musst
Übertragen wird er nicht von Tier zu Tier, sondern durch winzige Gnitzen – blutsaugende Mücken, kaum größer als ein Stecknadelkopf. Eine solche Gnitze sticht ein infiziertes Tier, nimmt das Virus auf und gibt es beim nächsten Stich an das nächste weiter. Deine Kühe können sich also gegenseitig nicht anstecken. Aber gegen einen Schwarm Gnitzen an einem lauen Spätsommerabend ist ein einzelnes Tier ziemlich wehrlos.
Lies auch: Gnitzen im Milchviehstall: Winzige Plagegeister mit Viren im Schlepptau
Das eigentliche Problem bei Schmallenberg sind die ungeborenen Kälber
Bei einer erwachsenen, nicht tragenden Kuh ist diese Viruserkrankung keine große Sache. Ein bisschen Fieber, weniger Appetit, ein Milchknick – nach ein paar Tagen ist der Spuk vorbei. Wenn das alles wäre, müsstest du diesen Artikel nicht lesen.
Das Drama beginnt, wenn eine Kuh im falschen Trächtigkeitsstadium infiziert wird. Dann schafft es das Virus über die Plazenta zum ungeborenen Kalb – und richtet dort an, wofür das Schmallenberg-Virus gefürchtet ist. Je nach Zeitpunkt der Infektion reicht das Spektrum von Fruchtresorption und Aborten über Totgeburten bis hin zu Kälbern, die mit schweren Missbildungen zur Welt kommen: verdrehte Gliedmaßen, versteifte Gelenke, steife Hälse, gekrümmte Wirbelsäulen. Manche Kälber sind blind, können nicht stehen, nicht saugen – die sogenannten „Dummy"-Kälber.
Besonders heikel: Ein missgebildetes Kalb bedeutet fast immer eine Schwergeburt. Wo du nichts ahnst, wird aus einer Routineabkalbung plötzlich ein Notfall.
Beim Rind liegt das kritische Fenster grob in der mittleren Trächtigkeit – die Angaben schwanken je nach Quelle zwischen dem zweiten und sechsten Trächtigkeitsmonat.
Warum 2023 ein Weckruf war
Schmallenberg kommt in Wellen. Nach einem großen Ausbruch sind die meisten Tiere immun, das Virus verschwindet fast – bis eine neue Generation nicht-immuner Jungtiere herangewachsen ist. Alle drei bis fünf Jahre schlägt es dann wieder zu.
Und die Zahlen aus Deutschland sind ein deutliches Warnsignal: 2022 lag die Seroprävalenz – der Anteil der Tiere mit Antikörpern – bei knapp 5 Prozent. 2023 schnellte sie auf über 40 Prozent hoch. Das heißt im Klartext: Das Virus war plötzlich wieder überall unterwegs, mit einem großflächigen Ausbruch über Sommer und Herbst. Genau in solchen Jahren stapeln sich im Frühjahr darauf die Probleme im Abkalbestall.
Was du tun kannst – und was (noch) nicht geht
Fangen wir mit der unbequemen Wahrheit an: Eine Behandlung der Ursache gibt es leider nicht. Ist das Kalb erst einmal geschädigt, kannst du daran nichts mehr ändern. Deine Hebel liegen deshalb komplett in der Vorbeugung.
Deckzeitpunkt clever wählen. Der wirksamste Hebel überhaupt. Wenn du die kritische Trächtigkeitsphase aus der Hauptflugzeit der Gnitzen herausschiebst, sinkt dein Risiko deutlich. In milden Jahren fliegen die Biester allerdings bis in den späten Herbst – behalte das im Kopf. Merk dir vor allem eins: Wer im März/April deckt, hat die Kühe genau dann im gefährlichen Stadium, wenn die Gnitzen am aktivsten sind.
Gnitzen kurzhalten. Insektizide, saubere Umgebung, wenig stehendes Wasser als Brutstätte, Aufstallung in den Abendstunden zur Hauptflugzeit. Ganz verhindern lässt sich der Kontakt nie, aber jede reduzierte Stichzahl zählt.
Lies auch: Bekämpfungsmöglichkeiten von Gnitzen: Was können Milchviehhalter tun?
Impfen – wo verfügbar. Es existieren Impfstoffe, die trächtige Tiere zuverlässig schützen und Missbildungen sowie Aborte stark reduzieren, sie sind jedoch nicht im Handel verfügbar.
Serologie nutzen. Eine Blutprobe zeigt dir, ob ein Tier schon Kontakt hatte und damit einen Immunschutz hat. Das hilft dir einzuschätzen, wie anfällig deine Herde – gerade deine Jungtiere – überhaupt noch ist.
Und ein wichtiger Hinweis zum Schluss: Ein missgebildetes Kalb heißt nicht automatisch Schmallenberg. Auch die Blauzungenkrankheit oder andere Erkrankungen können sehr ähnliche Schäden verursachen. Jeder Verdachtsfall gehört deshalb ordentlich abgeklärt – untersuchen lassen, nicht raten.
Fazit
Schmallenberg ist keine Krankheit, die du im Stall dramatisch toben siehst. Sie arbeitet leise, ein paar Tage Fieber hier, ein Milchknick dort – und zeigt ihre wahre Bedeutung erst Monate später im Abkalbestall. Genau das macht sie so gefährlich. Die gute Nachricht: Du bist ihr nicht ausgeliefert. Wer den Deckzeitpunkt bewusst plant, die Gnitzen im Blick behält und die Impfoption mit dem Tierarzt bespricht, nimmt dem Virus den größten Teil seines Schreckens.
Der beste Zeitpunkt, darüber nachzudenken, ist nicht im Frühling, wenn die Kälber kommen. Sondern jetzt.
FAQ
Ist das Schmallenberg-Virus für meine Milchkühe gefährlich?
Für eine erwachsene, nicht tragende Kuh ist eine Schmallenberg-Infektion meist harmlos: ein paar Tage Fieber, weniger Appetit und ein kurzer Milchknick, danach ist der Spuk vorbei. Gefährlich wird das Virus erst, wenn sich eine tragende Kuh zwischen dem 2. und 6. Trächtigkeitsmonat ansteckt. Dann kann der Erreger über die Plazenta das ungeborene Kalb erreichen und je nach Zeitpunkt Aborte, Totgeburten oder schwere Missbildungen wie verdrehte Gliedmaßen, versteifte Gelenke und steife Hälse verursachen. Das eigentliche Risiko trägst du also nicht im Stall bei den Kühen, sondern erst Monate später im Abkalbestall.
Gibt es gegen Schmallenberg eine Behandlung oder eine Impfung?
Eine kausale/antivirale Behandlung gibt es nicht – ist ein Kalb im Mutterleib erst einmal geschädigt, lässt sich das nicht mehr rückgängig machen. Deine Möglichkeiten liegen deshalb komplett in der Vorbeugung. Grundsätzlich existieren zugelassene Impfstoffe, die Tiere in der Trächtigkeit schützen und Missbildungen sowie Aborte deutlich reduzieren; sie sind allerdings derzeit nicht überall im Handel verfügbar. Sprich frühzeitig mit deiner Tierärztin oder deinem Tierarzt, was aktuell erhältlich ist, und setz ansonsten auf Deckzeitplanung und Gnitzenkontrolle.
Wann sind meine Kühe am stärksten durch das Schmallenberg-Virus gefährdet – und wie schütze ich die Herde?
Kritisch ist die mittlere Trächtigkeit, grob zwischen dem zweiten und sechsten Monat. Fällt dieses Fenster mit der Hauptflugzeit der Gnitzen im Spätsommer und Frühherbst zusammen, ist das Risiko am größten. Der wirksamste Hebel ist deshalb der Deckzeitpunkt: Schiebst du die kritische Phase aus der aktivsten Gnitzenzeit heraus, sinkt dein Risiko spürbar. Ergänzend helfen konsequente Gnitzenkontrolle (Insektizide, weniger stehendes Wasser, Aufstallung in den Abendstunden) und Blutproben, mit denen du erkennst, welche Tiere – vor allem Jungtiere – überhaupt noch anfällig sind.
Quellen
- Wang J. et al. (2025). Schmallenberg virus epidemiology and regional control strategies: diagnostics, vaccines, and vector management. Frontiers in Cellular and Infection Microbiology, Vol. 15. DOI: 10.3389/fcimb.2025.1633030 — aktuellste umfassende Übersichtsarbeit (Juli 2025).
- NADIS Animal Health Skills – Schmallenberg Virus (SBV) (Cattle). nadis.org.uk
- AHDB – Schmallenberg virus (SBV). ahdb.org.uk (Stand Februar 2024).
- SRUC – Spring 2025 Schmallenberg update. sruc.ac.uk
- NFU – Schmallenberg: what you need to know. nfuonline.com
- Survey zur Auswirkung von SBV in der UK-Lämmersaison 2023–2024 (PMC12355902), NCBI.
- Assessing Schmallenberg Virus Disease in Sardinia (Italy) – Studie 2013–2024 (PMC12030605), NCBI.