- Krankheiten & Zoonosen
Ganz plötzlich entwickelten einige deiner Kühe Fieber. Dann kam Durchfall dazu und die Milchleistung sank rapide. Dein Tierarzt testet auf alles, was man kennt: Blauzunge, Schmallenberg, EHD. Alles negativ. Genauso haben viele Betriebe in Süddeutschland und der Schweiz diesen Sommer ein Krankheitsbild erlebt, das keiner so recht einordnen konnte.
Seit Anfang August ist nun klar, was dahintersteckt: ein neues Orthobunya-Virus aus der Simbu-Serogruppe, vorläufig „Shamonda-like“ getauft.
In diesem Artikel erfährst du:
Kurz gesagt: ein naher Verwandter des Schmallenberg-Virus, das 2011 schon einmal für ordentlich Wirbel gesorgt hat. Beide gehören zur Simbu-Serogruppe und werden – genau wie das Blauzungenvirus oder EHD – über blutsaugende Gnitzen der Gattung Culicoides übertragen.
Das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) hat das Virus per Genomsequenzierung entschlüsselt. Das Ergebnis: In allen drei Genomabschnitten ist es am engsten mit dem Shamonda-Virus verwandt – daher der Name. Dieses Virus kannte man bisher nur aus Afrika und Asien, in Europa war es noch nie aufgetaucht. Wieder einmal ist also ein „exotischer“ Erreger bei uns gelandet.
Mehr zum Schmallenberg-Virus erfährst du hier Schmallenberg-Virus: Was du als Rinderhalter über diese Krankheit wissen musst
Los ging es ganz unauffällig Mitte Juli.
Das Shamonda-Virus ist keine meldepflichtige Erkrankung. Demnach gibt es leider keine offizielle Karte über das aktuelle Ausbruchsgeschehen. Wir haben für dich eine Karte erstellt auf Basis der gemeldeten Fälle in Europa, unterteilt in Nachweis bestätigt, Verdacht und kein Nachweis. (Stand 26.08.). Alle Angaben ohne Gewähr. 
Update 2.September 2026:
In der Woche vom 26.8. bis 2.9. hat sich das Virus weiter ausgebreitet. Es sind neue Fälle in Frankreich (+ 2 Departements), Belgien (2 in Flandern und 2 in Wallonien) in Österreich und Deutschland hinzugekommen. Auch in Luxemburg sind nun ebenfalls Rinder positiv auf das Shamonda-Virus getestet worden.
Das FLI bestätigte am 1.9. nun die Existenz eines weiteren, mit dem Shamonda-Virus-verwandtem Orthobunyavirus in Deutschland, das auf ein zweites Einschleppungs- und Ausbreitungsereignis hindeutet.
Sequenzanalysen von PCR-positiven Proben aus Nordwest- und Ostdeutschland zeigen, dass neben der Variante „Shamonda-Virus/DE/2026“, die seit Juli vor allem in Süddeutschland sowie in der Schweiz und Frankreich nachgewiesen wurde, eine weitere, eng verwandte Virusvariante zirkuliert. Die untersuchten Rinderproben stammen aus Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Hessen und Thüringen.
Auch diese Variante gehört zur Spezies Orthobunyavirus schmallenbergense innerhalb der Simbu-Serogruppe und ist mit dem ursprünglich in Afrika und Japan beschriebenen Shamonda-Virus verwandt. Im Vergleich zur zunächst in der Schweiz, Frankreich und Süddeutschland identifizierten Variante „Shamonda-Virus/DE/2026“ weist sie jedoch deutliche genetische Unterschiede auf.
Zur besseren Unterscheidung werden die beiden Varianten künftig als Shamonda-Virus Europe 1 (SHAV-EU1) für die zuerst beschriebene Variante und als Shamonda-Virus Europe 2 (SHAV-EU2) für die neu identifizierte Variante bezeichnet.
Das genaue Wirtsspektrum der neuen Variante ist derzeit noch nicht abschließend geklärt. Bislang wurden alle SHAV-EU2-positiven Proben ausschließlich bei Rindern nachgewiesen. Für die Variante SHAV-EU1 liegen hingegen Nachweise von Infektionen bei Rindern, Pferden, Schafen und Ziegen vor. Die Schweiz meldete auch einen Fall in Alpakas.
Wir haben dir deshalb die Karte oben upgedatet mit den neuesten gemeldeten Fällen. Es handelt sich bei dem derzeitigen Seuchengeschehen um zwei unabhängige Ereignisse, die sich in manchen Bundesländern bereits überschneiden. Diese Überschneidungen konnten in der Karte jedoch nicht sichtbar gemacht werden.
Die 2 SHAV-Varianten wurden farblich gekennzeichnet, bei der schraffierten Variante steht die Bestimmung des Typus noch aus. Wie auch oben ist die Karte ohne Gewähr, da keine offizielle Meldepflicht besteht:

Weil die Gnitzen witterungsabhängig bis etwa Ende November aktiv sind – mit Hochsaison zwischen Juli und Oktober – rechnen die Institute mit einer weiteren, möglicherweise schnellen Ausbreitung.
Lies auch: Bekämpfungsmöglichkeiten von Gnitzen: Was können Milchviehhalter tun?
Die betroffenen Betriebe berichten fast alle vom gleichen Bild, das rund 14 bis 21 Tage anhält:
Die gute Nachricht: Bei erwachsenen Tieren verläuft die Infektion meist mild bis moderat, die Virämie ist kurz, und die meisten erholen sich nach wenigen Tagen wieder. Todesfälle sind die Ausnahme.
Und jetzt kommt der Punkt, bei dem man genau hinschauen muss. Bei der Infektion tragender Tiere vor allem zwischen der 8. und 14. Trächtigkeitswoche kommt es vermehrt zu Aborten und schweren Missbildungen z.B. Verdrehungen der Kälber, Gelenkssteifheit und ZNS-Missbildungen wie z.B. Hydrocephalus oder Hirnhypoplasien (=> Störung der Bewegungskoordination bis hin zu "Dummy-Kälbern", die völlig orientierungslos wirken).
Beim Schmallenberg-Virus waren damals vor allem Schafe betroffen; in einzelnen Herden zeigte bis zur Hälfte der Nachkommen Schäden, bei Rindern war es deutlich weniger ausgeprägt. Die durch die Viren der Simbu-Serogruppe verursachten Missbildungen werden als „Arthrogrypose-Hydranencephalie-Syndrom (AHS)“ bezeichnet. Basierend auf den Informationen über andere Simbuviren könnten auch weitere Wiederkäuerarten betroffen sein.
Deshalb der dringende Rat der Institute – lass Aborte, Totgeburten und auffällige Kälber, Lämmer und Zicklein unbedingt untersuchen.
Erstmal durchatmen: Viren der Simbu-Serogruppe gelten in der Regel nicht als Zoonose und stellen nach aktuellem Kenntnisstand kein relevantes Risiko für den Menschen dar. Weil der Erreger aber neu und noch nicht vollständig charakterisiert ist, prüfen die Fachleute ein mögliches zoonotisches Potenzial vorsorglich weiter. Heißt für dich: keine Panik, aber sollten nach einer Infektion deiner Herde mit dem Shamonda-Virus Menschen aus der Umgebung an neurologischen Auffälligkeiten leiden, dann weise den Arzt bitte auf diese Erkrankung hin.
Ein Impfstoff wäre grundsätzlich machbar, braucht aber einen zeitlichen Vorlauf – kurzfristig hilft er dir also nicht. Was jetzt zählt, ist etwas ganz Bodenständiges:
Zeigen deine Tiere Fieber, Durchfall und einen Milcheinbruch, dann ruf deinen Hoftierarzt. Teste lieber einmal zu viel als zu wenig. Die Bekämpfung ist nicht gesetzlich geregelt, entsprechend gibt es keine Meldepflicht, jedoch bittet das FLI um Abklärung verdächtiger Tiere über die Landeslabore.
Ein Erregernachweis geschieht mittels PCR aus Blutproben (EDTA oder Serum) erkrankter Tiere oder aus Abortmaterial. Wichtig ist, dass ein Virusnachweis nur während der kurzen klinischen Phase sicher möglich ist. Du musst also schnell sein beim Testen. Ein Antikörper-Nachweis ist aufgrund von Kreuzreaktionen mit Schmallenberg nicht beweisend.
Aktuell kannst du nicht viel tun als Symptome der Krankheit zu bekämpfen, aber zukünftig könntest du überlegen, den Besamungszeitpunkt deiner Kühe und Färsen so zu legen, dass die kritische Phase der Trächtigkeit nicht in die Gnitzen-Saison fällt. Denn genau in diesem Zeitfenster ist das ungeborene Kalb besonders gefährdet. Beim Schmallenberg-Virus liegt diese heikle Phase beim Schaf vermutlich etwa in der vierten bis achten und beim Rind etwa in der achten bis vierzehnten Trächtigkeitswoche – und da die Viren eng verwandt sind, gehen Fachleute hier von einem ähnlichen Zeitraum aus. Timst du die Besamung so, dass dieses Fenster in eine Zeit fällt, in der kaum noch Gnitzen unterwegs sind, senkst du das Risiko einer Foetusschädigung deutlich.
Aktuell gibt es keinen zugelassenen Impfstoff gegen das Shamonda-like-Virus, weshalb der Fokus auf Diagnostik und Deckzeitpunkt-Management liegt. Konkret solltest du als Milchviehhalter drei Dinge tun: Erstens beim Auftreten von Fieber, Durchfall und plötzlichem Milcheinbruch sofort den Hoftierarzt rufen und lieber einmal zu viel testen.
Zweitens Aborte, Totgeburten und auffällige Kälber untersuchen lassen, da hier die eigentliche Gefahr liegt.
Drittens – leider erst zukünftig möglich – den Besamungszeitpunkt so legen, dass die kritische Trächtigkeitsphase (beim Rind etwa die 8. bis 14. Woche) nicht in die Gnitzen-Hochsaison zwischen Juli und Oktober fällt. Ein Impfstoff wäre grundsätzlich machbar, braucht aber Vorlauf und hilft kurzfristig nicht.
Nach aktuellem Kenntnisstand ist das Shamonda-Virus keine Zoonose und stellt kein relevantes Risiko für den Menschen dar. Wie andere Viren der Simbu-Serogruppe wird es über blutsaugende Gnitzen übertragen und betrifft primär Wiederkäuer. Weil der Erreger in Europa aber neu und noch nicht vollständig charakterisiert ist, prüfen Fachleute ein mögliches zoonotisches Potenzial vorsorglich weiter. Falls nach einer Infektion der Herde Menschen aus dem Umfeld neurologische Auffälligkeiten zeigen, sollte der Arzt auf die Erkrankung hingewiesen werden.
Typische Symptome bei erwachsenen Rindern sind Fieber über 40 °C für ein bis zwei Tage, ein massiver Milchrückgang (über 5 kg), Fressunlust und Durchfall – das Krankheitsbild hält rund 14 bis 21 Tage an. Bei erwachsenen Tieren verläuft die Infektion meist mild bis moderat, und die meisten erholen sich nach wenigen Tagen; Todesfälle sind die Ausnahme. Das größte Problem sind trächtige Tiere: Eine Infektion zwischen der 8. und 14. Trächtigkeitswoche kann zu Aborten und schweren Missbildungen (Gelenksteife, Verdrehungen, ZNS-Schäden wie Hydrocephalus, sogenannte „Dummy-Kälber") führen. Deshalb sollten Aborte und auffällige Kälber immer abgeklärt werden.
Quellen: