Wenn wir im landwirtschaftlichen Betrieb an Rindergrippe erkrankte Tiere behandeln, geht es meistens in erster Linie um die Eindämmung der Infektion im Bestand und die schnelle Wiederherstellung der Leistungsfähigkeit der Tiere. Doch wie stark leidet eigentlich das einzelne Tier unter der Krankheit? Ist die Erkrankung an Rindergrippe für die Tiere auch mit starken Schmerzen verbunden?

Bei einer menschlichen Atemwegserkrankung wie der Grippe (Influenza) ist bekannt, dass wir im Verlauf unter hohem Fieber und auch unter Kopf-, Glieder- und Muskelschmerzen zu leiden haben. Im Unterschied zu den Tieren können wir aber unsere Schmerzen zum Beispiel gegenüber einem Arzt klar äußern. Trotzdem ist es für das Wohlergehen unserer Tiere wichtig, wenn wir mehr über ihren Zustand wissen und zum Beispiel Schmerzen und Leiden gezielt lindern könnten. Die grundsätzliche Frage, ob die Rindergrippe für die Tiere schmerzhaft ist, haben deshalb Forscher des Kansas State University College für Veterinärmedizin untersucht.1

  • Rindergrippe ist auch für Kälber mit Schmerzen verbunden
  • Messwerte und Verhalten lassen auf Schmerzen und Krankheitsverlauf schließen
  • Schmerzmittel wirken sich positiv auf das Wohlbefinden der Kälber aus

Studie mit Kälbern zur Schmerzfeststellung, Vorhersage und Linderung

Um herauszufinden, ob Rindergrippe Schmerzen verursacht, musste die Untersuchung natürlich an lebenden Tieren vorgenommen werden. Zwei weitere Ziele der Studie waren, ob man mit Hilfe von Schmerz-Biomarkern im Verlauf der Krankheit Verdichtungen im Lungengewebe (Lungenkonsolidierung) vorhersagen kann und, wie ein über die Haut verabreichtes Schmerzmittel (Flunixin) schmerzlindernde Wirkung erzielt.

Für die Studie wurden 26 Kälber im Alter von 6 bis 7 Monaten ohne Rindergrippe-Vorerkrankung untersucht. Die Kälber wurden dazu in drei Gruppen unterteilt. Die erste und zweite Gruppe wurde mit dem Rindergrippe-Erreger Mannheimia haemolytica infiziert. Die erste Gruppe erhielt dann das Schmerzmittel Flunixin, die zweite Gruppe nur ein Placebo. Die dritte Gruppe als Kontrollgruppe erhielt nur eine Schein-Infizierung und ebenfalls nur ein Placebo-Schmerzmittel.Braun weißes Kalb auf der Wiese

Analyse der messbaren Symptome bei den Kälbern

Ob ein Tier unter Schmerzen leidet, ist durch reine menschliche Beobachtung nur schwer feststellbar.
Neben der visuellen Kontrolle der Kälber wurden weitere Krankheitsanzeichen, wie Fieber und klinische Symptome durch technische Hilfsmittel analysiert. Hierzu wurde eine Infrarot-Thermografie und eine Aktivitätsmessung verwendet.
Wichtige Ergebnisse konnten durch eine spezielle Ganganalyse gewonnen werden. So konnte die Aktivität der Tiere und das Verhalten beim Gehen zum Beispiel über Druckmatten erfasst und Veränderungen im Schrittverhalten und in der Gewichtsverlagerung festgestellt werden.

Messwerte und Verhalten lassen auf Schmerzen und Krankheitsverlauf schließen

Nach Auswertung von allen Messwerten und der Verhaltensweise der Tiere ließ sich in der Studie feststellen, dass die Rindergrippe und Lungenentzündung auch für die Kälber mit Schmerzen verbunden sind. Durch die Analyse der Messwerte war es außerdem möglich, Veränderungen im Krankheitsverlauf zu erkennen, bevor dies über Symptome durch menschliche Beobachtung wahrnehmbar war.

Schmerzmittel wirkten sich positiv auf die Aktivität der Kälber aus

Interessant war die Beobachtung der Tiergruppe, die mit dem Schmerzmittel behandelt wurde. Bei Gangmessungen konnte festgestellt werden, dass diese Kälber in der Bewegung mehr Kraft auf die vorderen Gliedmaßen ausübten als Tiere, die erkrankt waren, aber keine Schmerzmittel bekamen. Dies ist ein weiterer Hinweis darauf, dass die kranken Tiere unter Schmerzen leiden und daher passiver, zurückhaltender und kraftloser agieren. Möglicherweise könnten diese speziellen Gangmessungen zukünftig auch als gute Indikatoren für Erkrankungen genutzt werden.Braun weißes Kalb im Stroh

Einsatz von Schmerzmittel könnte auf schmerzhafte Erkrankungen ausgeweitet werden

Schmerzmittel sind also nicht nur bei offensichtlichen Schmerzen wie Verletzungen, Lahmheiten, Kastration und Enthornung wichtig. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass auch der Einsatz bei schmerzhaften Erkrankungen wie der Rindergrippe sinnvoll sein kann, um das Tierwohl zu verbessern.

Die Umsetzung in der Praxis ist jedoch noch relativ schwierig, da die Feststellung von Schmerzen bei den Tieren in einem normalen Bestand im Alltag nicht so einfach ist wie unter den optimalen wissenschaftlichen Bedingungen und mit den technisch-medizinischen Hilfsmitteln der Studie.

Trotzdem bietet die Untersuchung gute Hinweise, um das Wohl der Tiere im landwirtschaftlichen Betrieb langfristig zu steigern. Ein Weg wäre zum Beispiel die Einführung von Schmerzprotokollen, um die Tierüberwachung unter diesem Gesichtspunkt zu verbessern. Schmerzen und Leiden der Tiere zu reduzieren und ihr Wohlbefinden und damit auch ihre Leistungsfähigkeit zu steigern, sollte insgesamt als wichtiger Ansatz für die Praxis verstanden werden.

Zur Früh-Erkennung der Rindergrippe unterstützt Sie unser leicht verständliches kalifornisches Punktesystem.


Quelle:
1 Miriam S Martin, Michael D Kleinhenz, Brad J White, Blaine T Johnson, Shawnee R Montgomery, Andrew K Curtis, Mikaela M Weeder, Dale A Blasi, Kelli M Almes, Raghu G Amachawadi, Harith M Salih, Matt D Miesner, Angela K Baysinger, Jason S Nickell, Johann F Coetzee, Assessment of pain associated with bovine respiratory disease and its mitigation with flunixin meglumine in cattle with induced bacterial pneumonia, Journal of Animal Science, Volume 100, Issue 2, February 2022, skab373, https://doi.org/10.1093/jas/skab373