Heidschnucken in der Lüneburger Heide

Zoonosen durch Prionen: Scrapie und CWD – was du als Landwirt oder Jaeger wissen solltest

Inga Oestereich

·

25.09.2026

·

7 Min. Lesezeit

Ein Schaf, das sich die Wolle vom Leib scheuert, bis die Haut blank liegt. Ein Reh, das im Wald einfach immer dünner wird und seine Scheu vor Menschen verliert. Zwei völlig verschiedene Tiere, zwei verschiedene Länder – und doch ein gemeinsamer Nenner: ein fehlgefaltetes Eiweiß, das langsam das Gehirn zerstört.

BSE. Das eine Wort reicht, und wer in den Neunzigern schon im Melkstand stand, hat den Rest sofort wieder im Kopf: leere Fleischtheken, Kühe im Verdacht, ein ganzer Berufsstand am Pranger. Aber diese Prionenerkrankung hat noch zwei weniger berühmte Verwandte, die Tierhalter und auch Besitzer von Wildwiederkäuern bzw. Jägern bis heute beschäftigen: die Scrapie bei Schaf und Ziege und die Chronic Wasting Disease (CWD) beim Wild. Beide gehören – wie BSE – zur Gruppe der transmissiblen spongiformen Enzephalopathien (TSE), beide sind unheilbar, beide enden tödlich. Zeit, sie dir genauer anzuschauen.

Was Prionen sind und warum sie so schwer totzukriegen sind, liest du im Detail in unserem BSE-Artikel. Hier geht es um die beiden Verwandten.

Das Wichtigste in Kürze

    • Scrapie („Traberkrankheit") betrifft vor allem Schafe, seltener Ziegen. Leitsymptome: starker Juckreiz, Bewegungsstörungen, Verhaltensänderungen.
    • Wie anfällig ein Schaf ist, steckt in den Genen – Tiere mit dem Genotyp ARR/ARR gelten als besonders widerstandsfähig.
    • CWD befällt Hirschartige (Rehe, Hirsche, Elche, Rentiere). Seit 2016 ist sie auch in Europa angekommen – zuerst bei einem Rentier in Norwegen.
    • Beide Krankheiten sind in Deutschland meldepflichtig nach Anlage 1, § 3 TierSeuchMeldV, Abschnitt 1 Punkt 18: Transmissible spongiforme Enzephalopathie und verlaufen immer tödlich.
    • Nach heutigem Kenntnisstand gibt es keine Belege für eine natürliche Übertragung auf den Menschen – das Risiko gilt bei beiden als gering, wird aber weiter beobachtet.

Scrapie: die „Traberkrankheit" bei Schaf und Ziege

Scrapie ist der Prionen-Vertreter bei den kleinen Wiederkäuern – vor allem beim Schaf, seltener bei der Ziege. Der Name „Traberkrankheit" kommt vom auffälligen Gang der betroffenen Tiere. Man unterscheidet eine klassische und eine atypische Form. Wir schauen hier auf die klassische Scrapie, denn Tiere mit der atypischen Form zeigen oft gar keine Symptome – sie fällt meist erst bei Routinetests an der Schlachtung auf.

Woran erkennst du sie? Am Anfang fällt kaum etwas auf: Ein Tier sondert sich von der Herde ab, bleibt beim Treiben zurück, säuft auffällig viel. Später kommen die neurologischen Zeichen dazu – Schreckhaftigkeit, Nervosität, das typische „Sterngucken" mit steil nach oben gerecktem Kopf. Dazu die namensgebenden Bewegungsstörungen: ein trabartiger Gang vorne, hoppelnde Hinterbeine, zunehmend wacklige Koordination (Ataxie). Ein weiteres Leitsymptom ist der quälende Juckreiz – die Tiere scheuern sich Wolle und Haut wund. Am Ende führt Scrapie zum Festliegen und zum Tod.

Warum trifft es manche Tiere und andere nicht? Das steckt in den Genen. Schafe mit dem Genotyp ARR/ARR gelten als besonders widerstandsfähig, hochgezüchtete Wollschafrassen erkranken häufiger als Fleisch- und Landrassen. Bei Schafen reicht eine Blutuntersuchung, um die Tiere auf die entscheidenden Gensequenzen testen zu lassen. Bei Ziegen muss der Betrieb entweder einen entsprechenden Status nachweisen (über die Zuchtverbände) oder zeigen, dass die Tiere bei einer Blutuntersuchung mindestens eine der Gensequenzen „K222", „D146" oder „S126" tragen.

Wie steckt sich ein Tier an? Übertragen wird der Erreger vom Muttertier aufs Lamm und von Tier zu Tier – vor allem über Nachgeburt und Fruchtwasser des infizierten Mutterschafs, aber auch über Kot und Urin. Besonders tückisch: Auf verschmutzten Oberflächen im Stall oder auf der Weide bleibt der Erreger über Jahre ansteckend. Ein einmal belasteter Betrieb wird das Problem also nicht so schnell wieder los.

Und der Mensch? Hier eine gute Nachricht: Anders als bei BSE gibt es nach heutigem Kenntnisstand keine Belege dafür, dass sich Menschen unter natürlichen Bedingungen mit Scrapie anstecken. Experimentelle Studien halten ein Potenzial zwar nicht für völlig ausgeschlossen, das reale Risiko für dich und deine Familie gilt aber als sehr gering.

Was heißt das für dich? Achte beim Zukauf genau auf die Herkunft der Tiere, halte konsequent Stallhygiene und setze auf resistente Genetik. Zuchtbetriebe können sich am freiwilligen Anerkennungsverfahren beteiligen, um den Status „kontrolliertes Risiko" zu erreichen. Und ganz wichtig: Scrapie ist in Deutschland meldepflichtig nach § 3 TierSeuchMeldV – bei Verdacht gehst du also direkt zum Amtstierarzt.

Quelle: https://anipedia.up.ac.za/resources/scrapie/1081.html

Chronic Wasting Disease (CWD): die Prionenkrankheit des Wilds

Die Chronic Wasting Disease – auf Deutsch „chronische Auszehrkrankheit" – betrifft Hirschartige (Cerviden) wie Rehe, Hirsche, Elche und Rentiere. Lange kannte man sie nur aus Nordamerika, wo sie sich seit Jahrzehnten unter Wildpopulationen ausbreitet und regional bis zu zehn Prozent der Bestände befallen hat.

Seit 2016 ist CWD auch in Europa. Anfang April 2016 wurde die Krankheit erstmals auf unserem Kontinent nachgewiesen – bei einem wilden Rentier in Südnorwegen (Region Nordfjella). Kurz darauf folgten weitere Fälle bei Elchen nahe der schwedischen Grenze. Bei der Bekämpfung in Nordfjella, bei der die gesamte Rentierpopulation gekeult wurde, kamen insgesamt 19 Fälle zusammen. 2020 tauchte die Krankheit dann im weit entfernten Gebiet Hardangervidda erneut auf – ein deutliches Zeichen, dass sie sich ausbreitet. In Schweden und Finnland wurden zwar ebenfalls einzelne Cerviden mit einer Prionenerkrankung gefunden, dabei handelte es sich aber um sporadische, atypische Fälle und nicht um die ansteckende nordamerikanische Variante.

Nach Deutschland ist die klassische CWD bislang nicht gelangt. Ein EU-Überwachungsprogramm sowie Untersuchungen des Friedrich-Loeffler-Instituts blieben negativ – die Forschung prüft aber weiter, ob heimische Wiederkäuer überhaupt empfänglich wären.

Wie überträgt sie sich? CWD wird oral übertragen. Infizierte Tiere scheiden den Erreger über Speichel, Urin und Kot aus, sodass eine Ansteckung von Tier zu Tier möglich ist – und wie bei Scrapie überdauern die Prionen lange in der Umwelt.

Die wichtigsten Symptome:

    • fortschreitende Abmagerung (daher der Name)
    • Verhaltensänderungen: Verlust der Scheu, zwanghaftes Vorwärtsgehen, Aggressivität
    • gesteigerter Durst und vermehrter Speichelfluss
    • Koordinationsstörungen und Teilnahmslosigkeit

In den betroffenen Ländern werden infizierte Tiere umgehend gekeult, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern; kontaminierte Bereiche werden mit speziellen Mitteln (etwa Kaliumpermanganat, Wasserstoffperoxid, Ethylenoxid oder Chlordioxid) behandelt. Auch CWD verläuft immer tödlich.

Und der Mensch? Eine Übertragbarkeit auf Primaten (Makaken) wurde im Experiment gezeigt. Beim Menschen wurde bislang (Stand 2024) jedoch keine CWD-Infektion festgestellt, und die europäische Lebensmittelbehörde EFSA sieht derzeit keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass Menschen durch den Verzehr von Fleisch infizierter Tiere erkranken. Ganz ausschließen lässt sich ein Risiko aber nicht – WHO und Behörden beobachten die Lage deshalb weiter aufmerksam.

CWD – hochgradige Abmagerung:
Ein Weißwedelhirsch mit Chronic Wasting Disease, deutlich abgemagert und teilnahmslos – genau das „wasting", das der Krankheit den Namen gibt.

FY21_PDS_CWD in cervids_Ferrante_Fig2_0Quelle: U.S. Geological Survey (USGS).

Wichtig zum Schluss

Für Scrapie und CWD gibt es bislang keinen Nachweis einer Übertragung auf den Menschen unter natürlichen Bedingungen. Die Wissenschaft behält beide Erkrankungen aber genau im Blick – und für deine Tiere gilt: Wachsamkeit, Hygiene und die richtige Genetik sind der beste Schutz.

 


 

Häufige Fragen (FAQ)

Was ist Scrapie?

Scrapie (Traberkrankheit) ist eine tödliche, durch Prionen ausgelöste Gehirnerkrankung bei Schafen und – seltener – Ziegen. Typisch sind starker Juckreiz, Bewegungs- und Verhaltensstörungen.

Ist Scrapie auf den Menschen übertragbar?

Nach heutigem Kenntnisstand gibt es keine Belege für eine natürliche Übertragung auf den Menschen. Das Risiko gilt als sehr gering, wird aber wissenschaftlich weiter beobachtet.

Was ist Chronic Wasting Disease (CWD)?

CWD ist eine tödliche Prionenkrankheit bei Hirschartigen (Rehe, Hirsche, Elche, Rentiere). Kennzeichnend sind fortschreitende Abmagerung, Verhaltensänderungen und Koordinationsstörungen.

Gibt es CWD in Europa?

Ja. Seit 2016 wurde CWD in Norwegen (zuerst bei einem Rentier), später auch bei Elchen nachgewiesen. In Deutschland ist die klassische CWD bislang nicht aufgetreten.

Sind Scrapie und CWD meldepflichtig?

Beide gehören zu den transmissiblen spongiformen Enzephalopathien und sind in Deutschland anzeigepflichtige Tierseuchen. Bei Verdacht ist der Amtstierarzt einzuschalten.

Wie schütze ich meine Herde vor Scrapie?

Durch Aufmerksamkeit bei der Herkunft zugekaufter Tiere, konsequente Stallhygiene und Zucht auf resistente Genetik (Genotyp ARR/ARR). Zuchtbetriebe können am freiwilligen Anerkennungsverfahren teilnehmen.


Quellen

1  Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH): Scrapie (TSE) – https://www.bmleh.de/DE/themen/tiere/tiergesundheit/tierseuchen/tse-scrapie.html (abgerufen 25.08.2026)
2  Friedrich-Loeffler-Institut (FLI): Erster Fall von Chronic Wasting Disease in Europa bestätigt – https://www.fli.de/de/aktuelles/kurznachrichten/neues-einzelansicht/erster-fall-von-chronic-wasting-disease-in-europa-bestaetigt (abgerufen 25.08.2026)
3  FLI: Anzeigepflichtige Tierseuchen und meldepflichtige Tierkrankheiten – https://www.fli.de/de/service/nationale-referenzlabore/anzeigepflichtige-tierseuchen-und-meldepflichtige-tierkrankheiten/ (abgerufen 25.08.2026)
4  EFSA: Chronic Wasting Disease: Risiken für die EU angehen – https://www.efsa.europa.eu/de/press/news/170118 (abgerufen 25.08.2026)
5  Cassard, H. et al.: Evidence for Zoonotic Potential of Ovine Scrapie Prions, Nature Communications – https://www.nature.com/articles/ncomms6821 (abgerufen 25.08.2026)
6 Haley, N.J. & Hoover, E.A.: Occurrence, Transmission, and Zoonotic Potential of Chronic Wasting Disease – https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC3309570/ (abgerufen 25.08.2026)
7 Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL): Scrapie-Anerkennungsverfahren für Zuchtziegen, Stand 01.07.2025 – https://www.lgl.bayern.de/tiergesundheit/tierkrankheiten/tierseuchenbekaempfung/scrapie_anerkennungsverfahren_zuchtziegen.htm (abgerufen 25.08.2026)
8  Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen: Scrapie bei Schaf und Ziege und die Regelung zum Export – https://www.landwirtschaftskammer.de/landwirtschaft/tiergesundheit/hgd/ziegen-scarpie-status.htm (abgerufen 25.08.2026)
9 U.S. Department of Agriculture (APHIS): Chronic Wasting Disease Specifics – https://www.aphis.usda.gov/livestock-poultry-disease/cervid/chronic-wasting/cwd-specifics (abgerufen 25.08.2026)
10 Centers for Disease Control and Prevention (CDC): Chronic Wasting Disease in Animals – https://www.cdc.gov/chronic-wasting/animals/index.html (abgerufen 25.08.2026)

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