Kuh auf Wiese

Neues Orthobunyavirus bei Rindern: Was du als Milchviehhalter über das Shamonda-Virus (SHAV) wissen musst

Inga Oestereich

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14.08.2026

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6 Min. Lesezeit

Ganz plötzlich entwickelten einige deiner Kühe Fieber. Dann kam Durchfall dazu und die Milchleistung sank rapide. Dein Tierarzt testet auf alles, was man kennt: Blauzunge, Schmallenberg, EHD. Alles negativ. Genauso haben viele Betriebe in Süddeutschland und der Schweiz diesen Sommer ein Krankheitsbild erlebt, das keiner so recht einordnen konnte.

Seit Anfang August ist nun klar, was dahintersteckt: ein neues Orthobunya-Virus aus der Simbu-Serogruppe, vorläufig „Shamonda-like“ getauft.

In diesem Artikel erfährst du:

    • Was das „Shamonda-like“-Virus ist und woher es kommt
    • Wo und seit wann es in Europa auftritt
    • Welche Krankheitssymptome auftreten
    • Warum die trächtigen Tiere die eigentliche Sorge sind
    • Was du jetzt konkret tun kannst

Was ist dieses „Shamonda-like“-Virus überhaupt?

Kurz gesagt: ein naher Verwandter des Schmallenberg-Virus, das 2011 schon einmal für ordentlich Wirbel gesorgt hat. Beide gehören zur Simbu-Serogruppe und werden – genau wie das Blauzungenvirus oder EHD – über blutsaugende Gnitzen der Gattung Culicoides übertragen.

Das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) hat das Virus per Genomsequenzierung entschlüsselt. Das Ergebnis: In allen drei Genomabschnitten ist es am engsten mit dem Shamonda-Virus verwandt – daher der Name. Dieses Virus kannte man bisher nur aus Afrika und Asien, in Europa war es noch nie aufgetaucht. Wieder einmal ist also ein „exotischer“ Erreger bei uns gelandet.

Exkurs Shamonda-Virus

Beim Shamonda-Virus (SHAV) handelt es sich um ein durch Gnitzen übertragenes Orthobunyavirus (RNA-Virus), das eine enge Verwandtschaft zu Viren der Simbu-Serogruppe aufweist, zu der auch das Schmallenberg-Virus (SBV) und das Akabane-Virus (AKAV) gehören. Da diese Viren ein segmentiertes Genom haben, ist eine Neuverteilung oder der Austausch von ganzen Genomsegmenten zwischen verschiedenen, aber verwandten Viren sehr häufig. Ähnlich wie bei Influenza entstehen also auch hier recht schnell neue Virusvarianten. Das Shamonda-like Virus ist also mit dem Schmallenberg-Virus verwandt, jedoch liegt die Übereinstimmung für das immunsystemrelevante Oberflächenprotein bei unter 50%, was auch die fehlende Immunität trotz existierender Schmallenberg-Antikörper erklärt.

Verbreitung von SHAV in Europa

Los ging es ganz unauffällig Mitte Juli.

    • Mitte Juli 2026: Seit Mitte Juli melden Milchbauern ungewöhnliche Krankheitsfälle bei Rindern in mehreren Départements im Osten Frankreichs. Nach einer Genomsequenzierung zeigt sich, dass es sich um ein Orthobunyavirus, ähnlich dem Schmallenberg-Virus, handelt.
    • 31. Juli 2026: Das Schweizer Institut für Virologie und Immunologie (IVI) weist erstmals ein Virus der Simbu-Serogruppe nach.
    • 3. August 2026: Das FLI bestätigt aus vier Beständen in Baden-Württemberg (Raum Freiburg) das „Shamonda-like“-Virus.
    • 10. August 2026: Die Schweiz meldet, ihr Virus sei praktisch identisch mit dem deutschen.
    • 13. August 2026: Das IVI (Institut für Virologie und Immunologie der Schweiz) hat das Virus zum ersten Mal auch in Rindern aus dem Fürstentum Liechtenstein nachgewiesen. Eine weitere Ausbreitung nach Osten ist zu befürchten.

Betroffen sind bislang vor allem Rinder in Baden-Württemberg, der Schweiz und Frankreich. Und weil die Gnitzen witterungsabhängig bis etwa Ende November aktiv sind – mit Hochsaison zwischen Juli und Oktober – rechnen die Institute mit einer weiteren, möglicherweise schnellen Ausbreitung.

Woran erkennst du das neue Shamonda-Virus bei deinen Rindern?

Die betroffenen Betriebe berichten fast alle vom gleichen Bild, das rund 14 bis 21 Tage anhält:

    • Fieber über 40 °C für ein bis zwei Tage
    • massiver Milchrückgang (> 5 kg)
    • Fressunlust
    • Durchfall

Die gute Nachricht: Bei erwachsenen Tieren verläuft die Infektion meist mild bis moderat, die Virämie ist kurz, und die meisten erholen sich nach wenigen Tagen wieder. Todesfälle sind die Ausnahme.

Die eigentliche Sorge bei diesem Orthobunyavirus: die trächtigen Tiere

Und jetzt kommt der Punkt, bei dem man genau hinschauen muss. Bei der Infektion tragender Tiere vor allem zwischen der 8. und 14. Trächtigkeitswoche kommt es vermehrt zu Aborten und schweren Missbildungen z.B. Verdrehungen der Kälber, Gelenkssteifheit und ZNS-Missbildungen wie z.B. Hydrocephalus oder Hirnhypoplasien (=> Störung der Bewegungskoordination bis hin zu "Dummy-Kälbern", die völlig orientierungslos wirken).

Beim Schmallenberg-Virus waren damals vor allem Schafe betroffen; in einzelnen Herden zeigte bis zur Hälfte der Nachkommen Schäden, bei Rindern war es deutlich weniger ausgeprägt. Die durch die Viren der Simbu-Serogruppe verursachten Missbildungen werden als „Arthrogrypose-Hydranencephalie-Syndrom (AHS)“ bezeichnet. Basierend auf den Informationen über andere Simbuviren könnten auch weitere Wiederkäuerarten betroffen sein.

Deshalb der dringende Rat der Institute – lass Aborte, Totgeburten und auffällige Kälber, Lämmer und Zicklein unbedingt untersuchen.

Kann ich mich als Mensch mit dem Shamonda-Virus anstecken?

Erstmal durchatmen: Viren der Simbu-Serogruppe gelten in der Regel nicht als Zoonose und stellen nach aktuellem Kenntnisstand kein relevantes Risiko für den Menschen dar. Weil der Erreger aber neu und noch nicht vollständig charakterisiert ist, prüfen die Fachleute ein mögliches zoonotisches Potenzial vorsorglich weiter. Heißt für dich: keine Panik, aber sollten nach einer Infektion deiner Herde mit dem Shamonda-Virus Menschen aus der Umgebung an neurologischen Auffälligkeiten leiden, dann weise den Arzt bitte auf diese Erkrankung hin.

Gibt es Bekämpfungsmaßnahmen gegen das Orthobunyavirus?

Ein Impfstoff wäre grundsätzlich machbar, braucht aber einen zeitlichen Vorlauf – kurzfristig hilft er dir also nicht. Was jetzt zählt, ist etwas ganz Bodenständiges:

Zeigen deine Tiere Fieber, Durchfall und einen Milcheinbruch, dann ruf deinen Hoftierarzt. Teste lieber einmal zu viel als zu wenig. Die Bekämpfung ist nicht gesetzlich geregelt, entsprechend gibt es keine Meldepflicht, jedoch bittet das FLI um Abklärung verdächtiger Tiere über die Landeslabore.

Ein Erregernachweis geschieht mittels PCR aus Blutproben (EDTA oder Serum) erkrankter Tiere oder aus Abortmaterial. Wichtig ist, dass ein Virusnachweis nur während der kurzen klinischen Phase sicher möglich ist. Du musst also schnell sein beim Testen. Ein Antikörper-Nachweis ist aufgrund von Kreuzreaktionen mit Schmallenberg nicht beweisend.

Wenn möglich, lege den Besamungszeitpunkt deiner Kühe und Färsen so, dass die kritische Phase der Trächtigkeit nicht in die Gnitzen-Saison fällt. Denn genau in diesem Zeitfenster ist das ungeborene Kalb besonders gefährdet. Beim Schmallenberg-Virus liegt diese heikle Phase beim Schaf vermutlich etwa in der vierten bis achten und beim Rind etwa in der achten bis vierzehnten Trächtigkeitswoche – und da die Viren eng verwandt sind, gehen Fachleute hier von einem ähnlichen Zeitraum aus. Timst du die Besamung so, dass dieses Fenster in eine Zeit fällt, in der kaum noch Gnitzen unterwegs sind, senkst du das Risiko deutlich.

FAQ

Was kann man aktuell gegen das Shamonda-like-Virus (SHAV) bei Rindern tun?

Aktuell gibt es keinen zugelassenen Impfstoff gegen das Shamonda-like-Virus, weshalb der Fokus auf Diagnostik und Deckzeitpunkt-Management liegt. Konkret solltest du als Milchviehhalter drei Dinge tun: Erstens beim Auftreten von Fieber, Durchfall und plötzlichem Milcheinbruch sofort den Hoftierarzt rufen und lieber einmal zu viel testen. Zweitens Aborte, Totgeburten und auffällige Kälber untersuchen lassen, da hier die eigentliche Gefahr liegt. Drittens – wenn möglich – den Besamungszeitpunkt so legen, dass die kritische Trächtigkeitsphase (beim Rind etwa die 8. bis 14. Woche) nicht in die Gnitzen-Hochsaison zwischen Juli und Oktober fällt. Ein Impfstoff wäre grundsätzlich machbar, braucht aber Vorlauf und hilft kurzfristig nicht.


Ist das Shamonda-Virus für Menschen gefährlich?

Nach aktuellem Kenntnisstand ist das Shamonda-Virus keine Zoonose und stellt kein relevantes Risiko für den Menschen dar. Wie andere Viren der Simbu-Serogruppe wird es über blutsaugende Gnitzen übertragen und betrifft primär Wiederkäuer. Weil der Erreger in Europa aber neu und noch nicht vollständig charakterisiert ist, prüfen Fachleute ein mögliches zoonotisches Potenzial vorsorglich weiter. Falls nach einer Infektion der Herde Menschen aus dem Umfeld neurologische Auffälligkeiten zeigen, sollte der Arzt auf die Erkrankung hingewiesen werden.


Woran erkennt man eine Infektion mit dem Shamonda-like-Virus beim Rind?

Typische Symptome bei erwachsenen Rindern sind Fieber über 40 °C für ein bis zwei Tage, ein massiver Milchrückgang (über 5 kg), Fressunlust und Durchfall – das Krankheitsbild hält rund 14 bis 21 Tage an. Bei erwachsenen Tieren verläuft die Infektion meist mild bis moderat, und die meisten erholen sich nach wenigen Tagen; Todesfälle sind die Ausnahme. Das größte Problem sind trächtige Tiere: Eine Infektion zwischen der 8. und 14. Trächtigkeitswoche kann zu Aborten und schweren Missbildungen (Gelenksteife, Verdrehungen, ZNS-Schäden wie Hydrocephalus, sogenannte „Dummy-Kälber") führen. Deshalb sollten Aborte und auffällige Kälber immer abgeklärt werden.

 


Quellen:

    • Friedrich-Loeffler-Institut (FLI): FLI weist neues Orthobunyavirus der Simbu-Serogruppe („Shamonda-like“) bei Rindern in Deutschland nach, 03.08.2026 – https://www.fli.de/de/presse/pressemitteilungen/presse-einzelansicht/fli-weist-neues-orthobunyavirus-der-simbu-serogruppe-shamonda-like-bei-rindern-in-deutschland-nach/
    • Institut für Virologie und Immunologie (IVI): Neues Orthobunyavirus der Simbu-Serogruppe bei Rindern entdeckt, inkl. Updates vom 06. und 10.08.2026 – https://www.ivi.admin.ch/de/neues-orthobunyavirus-der-simbu-serogruppe-bei-rindern-entdeckt
    • Wernike K. et al.: It happened again – emergence of a Shamonda-like orthobunyavirus in Central Europe, 2026, bioRxiv-Preprint, 06.08.2026 – https://www.biorxiv.org/content/10.64898/2026.08.06.743243v1.full
    • Tiergesundheitsdienst Bayern (TGD): Informationen zum neuen Orthobunyavirus – https://www.tgd-bayern.de/Aktuelles/Shamonda-like%20virus

 

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