Eine Kuhherde frisst Heu im Kuhstall eines Milchviehbetriebs in der Scheune im Sonnenlicht.

Hilfe, ich habe mich bei meinen Kühen angesteckt! Zoonosen aus dem Stall: Arten, Übertragungswege und Risiken im Überblick

Dr. Christina Hirsch

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9.01.2026

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5 Min. Lesezeit

Schon wieder dieses Jucken! Gedankenverloren kratzt du beim Stallrundgang an deinem Unterarm. Kreisrunde rötliche Flecken, die immer größer werden, je mehr du sie mit deinen Fingernägeln bearbeitest. Das geht jetzt schon seit Tagen so. Später beim Abendessen erzählt dir deine Frau vom heutigen Kinderarztbesuch. Dein Jüngster hat Kälberflechte. Da fällt es auch dir wie Schuppen von den Augen! Ja, auch dich hat es erwischt.

Kälberflechte, eine Zoonose unter vielen, die vom Kalb auf dich übertragen wurde und die du nun wochenlang mit Salbe oder Tabletten mühsam behandeln musst. Doch oft bleiben Zoonosen unerkannt und können sogar weit schwerwiegendere Folgen haben als nur Juckreiz. Ein Grund mehr, sich mal einen genauen Überblick zu verschaffen.

Zoonosen – also Infektionskrankheiten, die zwischen Tieren und Menschen übertragen werden können – sind längst kein Randthema mehr. Globale Mobilität, moderne Tierhaltungsformen und der Klimawandel schaffen Bedingungen, unter denen Krankheitserreger neue Wege finden. Besonders Wiederkäuer wie Rinder, Schafe und Ziegen spielen dabei eine zentrale Rolle. Sie liefern wichtige Lebensmittel, prägen den Betriebsalltag – und dienen gleichzeitig vielen Erregern als natürliches Reservoir, oft ohne selbst sichtbar zu erkranken. 

Doch welche Arten von Zoonosen gibt es? Warum spielen gerade Wiederkäuer eine so große Rolle? Und wie lassen sich Risiken auf dem Betrieb frühzeitig erkennen und kontrollieren? Dieser Artikel fasst die wichtigsten Aspekte kompakt und praxisnah zusammen.

Was sind Zoonosen – und wie werden sie übertragen?

Zoonosen entstehen, wenn ein Erreger aus einem tierischen Reservoir auf den Menschen übergeht. Die Tiere müssen dabei nicht einmal selbst erkranken – viele Wiederkäuer scheiden Krankheitserreger völlig symptomlos aus.

Typische Übertragungswege sind:

  • direkter Kontakt zu Tieren
  • Ausscheidungen, Geburtsmaterial oder kontaminierter Stallstaub
  • Lebensmittel wie Rohmilch, Rohmilchkäse oder unzureichend erhitztes Fleisch
  • verunreinigtes Wasser oder Boden
  • Vektoren wie Zecken oder Mücken

 

Die Vielfalt dieser Übertragungswege erklärt, warum zoonotische Erkrankungen so unterschiedliche Erscheinungsformen haben – von leichten Magen-Darm-Symptomen bis hin zu schweren systemischen Infektionen. 

Krankheiten aus dem Kuhstall – ein Risiko für den Menschen?

Welche Arten von Zoonosen gibt es? Ein Überblick über die wichtigsten Gruppen

Zoonosen lassen sich nach der Art des Erregers einteilen. Diese Einteilung verdeutlicht, wie eng Tier-, Umwelt- und Menschengesundheit miteinander verknüpft sind. 

1. Bakterielle Zoonosen – häufig und bedeutsam

Bakterielle Zoonosen machen weltweit einen großen Teil aller gemeldeten Fälle aus. Viele von ihnen stehen direkt oder indirekt mit Wiederkäuern in Verbindung.

Beispiele:

  • Q-Fieber: Schafe, Ziegen und Rinder sind klassische Reservoirtiere des Erregers Coxiella burnetii. Schon kleinste Staubpartikel mit Geburtsmaterial oder Stallstaub können eine Infektion auslösen.
  • Brucellose: Brucella melitensis (Schaf/Ziege) und abortus (Rind) werden vor allem über Rohmilchprodukte, Aerosole oder engen Tierkontakt übertragen.
  • STEC/EHEC: Rinder – aber auch Schafe und Ziegen – gelten als zentrale Reservoirtiere. Infektionen entstehen über Rohmilch, unzureichend erhitztes Fleisch oder direkten Kontakt – teilweise mit schweren Komplikationen wie HUS.
  • Salmonellen & Campylobacter: weit verbreitete lebensmittelbedingte Erreger entlang der gesamten Produktionskette.

Warum relevant?
Sie treten häufig auf, sind meldepflichtig und können ganze Regionen oder Produktionsketten betreffen.

2. Virale Zoonosen – dynamisch und global vernetzt

Viren passen sich schnell an Umweltveränderungen an und können sich rasch ausbreiten.

Beispiele:

  • Rift-Valley-Fieber: führt in Rinder- und Schafbeständen zu massiven Ausbrüchen und erheblichen wirtschaftlichen Schäden.
  • Hepatitis E: in Europa zunehmend im Fokus; Schafe gelten als mögliche Infektionsquelle.
  • Influenza- und Coronavirus-Varianten: nicht spezifisch für Wiederkäuer, verdeutlichen aber das globale Zusammenspiel von Tier- und Humaninfektionen.

Warum relevant?
Hohe Dynamik, großes Ausbreitungspotenzial, kontinuierliche Überwachung erforderlich.

 3. Parasitäre Zoonosen – weit verbreitet und oft unterschätzt

Parasitäre Infektionen stehen seltener im öffentlichen Fokus, sind jedoch weltweit verbreitet.

Beispiele:

  • Toxoplasmose: Schafe spielen eine bedeutende Rolle im Infektionskreislauf; Risiko besonders über unzureichend erhitztes Fleisch.
  • Echinokokkose: Wiederkäuer dienen als Zwischenwirte für bestimmte Bandwürmer.
  • Giardien und Kryptosporidien: relevant für die Wasserhygiene, besonders häufig bei Jungtieren.

Warum relevant?
Viele Infektionen verlaufen symptomlos, können aber dennoch schwerwiegende Folgen haben. 

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4. Pilzinfektionen – kleine Sporen, große Wirkung

Dermatophyten wie Trichophyton verrucosum (Kälberflechte, Trichophytie) werden häufig von Rindern oder Ziegen auf den Menschen übertragen – vor allem in Stallungen, Tierhaltungen und Streichelzoos.

Lies auch: Rinderflechte weit verbreitet: Über 20% der Milchviehbetriebe mit Anzeichen!

 5. Prionenerkrankungen – selten, aber folgenschwer

Erkrankungen wie BSE und die daraus resultierende Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (vCJK) zeigen, wie wichtig langfristige Überwachungssysteme und strenge Futtermittelkontrollen sind.

Tierärztin untersucht Kuh

Warum Wiederkäuer eine zentrale Rolle spielen

Rinder, Schafe und Ziegen stehen aus mehreren Gründen im Mittelpunkt des Zoonose-Geschehens:

  • Gruppenhaltung und hohe Tierdichten
  • große Mengen organischen Materials
  • enge Einbindung in internationale Handelsketten
  • vielfältige direkte und indirekte Mensch-Tier-Kontakte
  • viele bedeutende Erreger nutzen sie als natürliches Reservoir

Ihre konsequente Überwachung ist daher sowohl gesundheitlich als auch wirtschaftlich essenziell. 

Zoonosen früh erkennen: Bausteine moderner Überwachung

Moderne Überwachung verbindet Tiergesundheit, Lebensmittelkontrolle, Umweltmonitoring und Humanmedizin. Effektive Prävention beginnt im Stall – endet dort aber längst nicht.

1. Tiergesundheitsmonitoring

  • serologische Screenings
  • Tankmilchanalysen
  • Abortdiagnostik
  • gezielte Laboruntersuchungen

2. Lebensmittelüberwachung 

  • Kontrolle von Rohmilch, Rohmilchkäse und Fleisch
  • Hygienekontrollen in Schlachtbetrieben
  • Rückverfolgbarkeit entlang der Lieferketten

3. Umwelt- und Aerosolmonitoring

Besonders wichtig bei Erregern wie Coxiella burnetii, die über Staubpartikel weite Strecken zurücklegen können.

4. Humanmedizinische Überwachung 

  • Meldepflichten
  • Clusteranalysen
  • epidemiologische Untersuchungen

5. Europäische und internationale Rahmenbedingungen 

  • EU-Richtlinie 2003/99/EG: harmonisierte Erfassung von Zoonosen, lebensmittelbedingten Ausbrüchen und Antibiotikaresistenzen.
  • One Health-Strategien (EU, WHO, WOAH): vernetzen Tier-, Umwelt- und Humanmedizin.

One Health – Zusammenarbeit als Schlüssel

Zoonosen lassen sich nur wirksam kontrollieren, wenn Veterinärmedizin, Humanmedizin und Umweltwissenschaft eng zusammenarbeiten. Ein integrierter One-Health-Ansatz ermöglicht es, Risiken frühzeitig zu erkennen, Infektionswege nachzuvollziehen und Ausbreitungen effektiv einzudämmen.

Fazit

Von Bakterien über Viren bis hin zu Parasiten, Pilzen und Prionen: Zoonosen sind vielfältig, dynamisch und eng mit der Nutztierhaltung verknüpft. Wiederkäuer stehen dabei im Zentrum vieler Infektionsketten. Eine konsequente, vernetzte Überwachung – von der Tierhaltung über die Lebensmittelproduktion bis hin zu Umwelt und Humanmedizin – ist entscheidend, um Risiken frühzeitig zu erkennen

Ein starker One-Health-Ansatz hilft dabei, lokale Erregerherde rechtzeitig zu identifizieren und globale Herausforderungen zu verhindern.

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